Berlin (sth). Sie ist und bleibt eine der zentralen Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung: die Erwerbsminderungsrente (EM-Rente). Jährlich bekommen etwa 160.000 bis 180.000 Frauen und Männer, die an einer chronischen Krankheit leiden oder einen schweren Unfall hatten, erstmals eine „Frührente“ überwiesen – oft bis zum Wechsel in die Altersrente. Insgesamt benötigen derzeit nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung (DRV) rund 1,8 Millionen Menschen, die nicht mehr oder nur noch eingeschränkt arbeiten können, jeden Monat eine EM-Rente.
Obwohl Ärzte und die Rentenversicherung seit Jahren versuchen, die Zahl der EM-Rentenbezieher durch Präventions- und Reha-Maßnahmen zu senken, sind bisher nur geringe Fortschritte zu erkennen. Das könnte sich laut einer Schätzung von Fachleuten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in den kommenden Jahren jedoch ändern. Den Modellrechnungen der Berliner Forscher zufolge „werden die Zugänge (in die Erwerbsminderungsrente, d. Red.) in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen“. Voraussetzung für einen Rückgang bei den Neubewilligungen von EM-Renten sei allerdings, dass sich die „altersspezifischen Zugangswahrscheinlichkeiten auf dem heutigen Niveau stabilisieren“, so DIW-Rentenexperte Johannes Geyer. Zentrale Ergebnisse und die Daten-Basis der DIW-Schätzung stellte Geyer am Donnerstag bei der virtuell veranstalteten Jahrestagung des Forschungsnetzwerks Alterssicherung (FNA) bei der DRV vor.
Viele Alleinstehende unter Erwerbsgeminderten
Ein sozialpolitisches Problem ist nach Erkenntnis des DIW-Forschers, dass sich unter Beziehern von EM-Renten viele alleinstehende Menschen befinden. Das zeige sich auch daran, dass der Anteil der Erwerbsgeminderten, die zur Deckung ihres Lebensbedarfs zusätzliche Grundsicherung benötigen, trotz der seit Jahren deutlich gestiegenen Erwerbsminderungsrenten immer noch stabil bei etwa 15 Prozent liege – etwa 18 Prozent bei Männern und 12 Prozent bei Frauen.
Das Armutsrisiko im Bestand der Erwerbsminderungsrenten sei „etwas höher als das durchschnittliche Armutsrisiko der älteren Bevölkerung“, so Geyer. Bis 2050 steige das Armutsrisiko dieser Gruppe von etwa 18 auf rund 30 Prozent. Bei jüngeren Erwerbsgeminderten – vor dem Erreichen der Altersgrenze - sei die Situation geprägt durch die Zugänge der letzten zehn bis 20 Jahre. Deshalb habe die negative Entwicklung der ausgezahlten Renten in diesem Zeitraum bereits im Jahr 2020 deutlichere Spuren hinterlassen. Das Armutsrisiko gehe für diese Gruppe zwar bis 2030 leicht zurück, „bleibt aber auf einem hohen Niveau von etwa 30 Prozent“, erklärte der DIW-Wissenschaftler.
Geyers Fazit: „Das Armutsrisiko der Bezieher von Erwerbsminderungsrenten bleibt trotz der Reformen in den Jahren 2014, 2017 und 2018 erheblich.“
