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"Rückmeldefahrten" für Senioren am Steuer

Statt medizinische Fahreignungstests im Alter rückt jetzt ein neuer Vorschlag in den Mittelpunkt, der Senioren Sicherheit gibt und Freiheiten lässt.

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Autobahn A8 bei Stuttgart. Bild: IMAGO / Westend61

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Berlin (dpa/tmn) Sehkraft und Reaktionsfähigkeit lassen nach, der Schulterblick fällt zunehmend schwerer. Doch der altersbedingte Rückgang verschiedener Fähigkeiten heißt noch lange nicht, dass Autofahrer nicht auch im hohen Alter noch fahrtüchtig wären. Aber was können sie tun?

Experten geben Antworten. Weil es immer wieder auch sehr schwere Unfälle mit älteren Verkehrsteilnehmern gibt und diese Altersgruppe im Straßenverkehr noch stark zunehmen wird, sieht Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer Handlungsbedarf: "Schon heute verursachen Senioren drei Viertel aller Unfälle, an denen sie beteiligt sind." Dieser Anteil sei damit höher als bei der Hochrisikogruppe der 18- bis 21-Jährigen. Die absoluten Unfallzahlen sind allerdings noch nicht auffällig. Das liegt Brockmann zufolge jedoch auch daran, dass in der aktuellen Generation der Senioren die Zahl der Führerscheininhaber eher gering ist, da gerade viele älteren Frauen nicht Auto fahren.

Professionelle Rückmeldung in komplexen Verkehrssituationen

Brockmann plädiert für Rückmeldefahrten. Darunter werden begleitete Fahrten mit einer Dauer von 45 bis 60 Minuten verstanden, in denen Senioren zum Beispiel mit einem Verkehrspsychologen im ganz normalen Straßenverkehr unterwegs sind. "Das Ziel ist es, der Altersgruppe ab 75 eine Rückmeldung zu geben, wie fit sie für den Straßenverkehr ist und was sie möglicherweise auch noch besser machen kann", sagt Brockmann.

Denn unbestritten sei, dass ältere Autofahrer vor allem bei komplexen Verkehrssituationen Probleme hätten. Daher würden im Alter die Kreuzungsunfälle zunehmen, während die Überhol- und Geschwindigkeitsunfälle hingegen abnehmen.

Medizinische Untersuchungen bringen wenig

Keine Alternative sind nach Meinung von Experten rein medizinische Untersuchungen, wie sie in einigen europäischen Nachbarländern vorgenommen werden. "Es bringt praktisch nichts, einfach nur einen Sehtest zu machen und/oder andere körperliche Funktionen in einem Schnelltest zu checken", sagt Professor Matthias Graw von der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin. Dies habe auch das Beispiel Schweiz gezeigt, wo ältere Autofahrer alle zwei Jahre eine Untersuchung bei einem Hausarzt machen lassen müssen. Auf die Unfallzahlen hat sich dies bislang jedoch nicht positiv ausgewirkt.

Eine Rückmeldefahrt unter realistischen Bedingungen sei die beste Methode, die Leistungsfähigkeit im Straßenverkehr tatsächlich zu überprüfen, sagt Graw. Er rechnet damit, dass in den kommenden Jahren bis zu 300 000 Autofahrer mehr im Alter um 75 Jahre in Deutschland unterwegs sind. Wie allerdings solche Rückmeldefahrten durchgeführt werden und ob es hierzu eine Verpflichtung geben soll, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Diskussion um Freiwilligkeit

Brockmann sieht Verkehrspsychologen, Fahrlehrer oder Fahrprüfer als den grundsätzlich geeigneten Personenkreis für die begleiteten Fahrten an. Durch die Fahrten werde auch das Anspracheproblem in vielen Familien angegangen, wenn die jüngere Generation sich nicht traut, die Eltern auf das heikle Thema Fahreignung anzusprechen.

Das Ergebnis einer Fahrt bleibe unter vier Augen. Der Senior wisse dann aber, wo er steht und könne eigenverantwortlich seine Schlüsse daraus ziehen. Brockmann plädiert dafür, die Rückmeldefahrten zunächst auf freiwilliger Basis einzuführen. "Wenn weniger als die Hälfte eines Jahrgangs teilnimmt, müssen wir aber auch über eine Verpflichtung nachdenken", so der Unfallforscher.

Das Thema Freiwilligkeit sieht Thomas Wagner von der Expertenorganisation Dekra anders: "Unsere Erfahrung mit Mobilitätschecks zeigt, dass sich kaum jemand freiwillig meldet", sagt der Verkehrspsychologe. "Bei freiwilligen Untersuchungen wie auch bei wissenschaftlichen Erhebungen melden sich vor allem die Interessierten und Leistungsfähigen."

Wagner plädiert auch für eine zweistufige Rückmeldefahrt ohne rechtliche Konsequenzen für den Fahrer. Im ersten Schritt gebe der Experte eine Rückmeldung nur an den Senior. "Stellt er jedoch Defizite wie zum Beispiel Aufmerksamkeits- oder Reaktionsleistungsschwächen fest, müssten diese in einer zweiten Überprüfung, zum Beispiel durch einen Verkehrspsychologen oder Verkehrsmediziner, weiterführend abgeklärt werden."

Einige Defizite lassen sich durch defensiven Fahrstil kompensieren

Beachtet werden müsse im Zusammenhang mit den Rückmeldefahrten, dass es hier vor allem um die Überprüfung kognitiver Fähigkeiten gehe, so Wagner, und nicht um Verkehrsregeln wie in einer Fahrstunde. "Es muss also beurteilt werden, wie der Verkehrsteilnehmer Signale aus der Umwelt wahrnimmt und weiterverarbeitet."

Studien belegten auch, dass ältere Kraftfahrer ihre Fähigkeiten systematisch überschätzten. Detaillierte Auswertungen von Mobilitäts- und Unfallerhebungen hätten zudem gezeigt, dass Senioren einige altersbedingte Defizite durch ihre Fahrerfahrung und einen defensiven Fahrstil kompensieren könnten. So ließen Senioren einen größeren Sicherheitsabstand und mieden die Hauptverkehrszeiten eher.

Angst vor Führerscheinverlust unbegründet

Die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF) hält Fahrschulen für eine ideale Anlaufstelle, zumal es ähnliche Fahrtrainings schon gebe. Viele Fahrlehrer würden sich hierfür auch zusätzlich verkehrspsychologisch weiterbilden lassen. "Wir führen solche Rückmeldefahrten bereits in unterschiedlichen Kooperationen, beispielsweise mit der Verkehrswacht oder dem ADAC, durch", sagt Jürgen Kopp von der BVF.

Die Erfahrung zeige aber, dass viele Senioren fast schon Angst vor solchen Fahrten hätten, da sie befürchteten, man nehme ihnen den Führerschein weg. "Tatsächlich aber ist der Fahrlehrer zur Verschwiegenheit verpflichtet, das Ergebnis bleibt also unter vier Augen", sagt Kopp. Grundsätzlich bestehe dringender Handlungsbedarf, weshalb auch er eine verpflichtende Rückmeldefahrt ab 75 Jahren für denkbar halte.

Von Claudius Lüder, dpa


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