Ihre-Vorsorge Logo

Bayerische Rentenversicherer stellen sich ihrer NS-Vergangenheit

Die früheren Landesversicherungsanstalten im Freistaat nahmen eine zentrale Funktion in der Sozialpolitik des „Dritten Reiches“ ein. Mit Rentenentzug wurden Juden und Staatsfeinde systematisch schikaniert.

Artikel vorlesen

Lesezeit

3 Minuten

Veröffentlicht

Bayerische Rentenversicherer stellen sich ihrer NS-Vergangenheit

© Nicht definiert

München (drv/sth). Die bayerischen Regionalträger der Deutschen Rentenversicherung (DRV) - Nordbayern, Schwaben und Bayern Süd - haben sich ihrem Verhalten während der NS-Zeit gestellt. Ergebnis eines von den drei Rentenversicherern in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Forschungsprojekts über dieses in Teilen wenig rühmliche Kapitel seiner Geschichte ist das Buch „Die bayerischen Landesversicherungsanstalten im »Dritten Reich«“, das der Historiker und Autor Marc von Miquel jetzt bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit den ehrenamtlichen Vorstandsvorsitzenden der DRV-Träger im Berufsförderungswerk Kirchseeon vorstellte.

Die früheren Landesversicherungsanstalten - Vorgänger der heutigen DRV-Regionalträger - nahmen Miquels Studie zufolge eine zentrale Funktion in der Sozial- und Gesundheitspolitik des „Dritten Reiches“ ein. Die Verantwortlichen im NS-Regime machten sich dabei laut den Erkenntnissen des Wissenschaftlers die Strukturen der Rentenversicherung für ihre menschenverachtenden Zwecke zu Nutze. Ein Beispiel dafür war die Praxis des Rentenentzugs. Anfänglich als Druckmittel gegen Andersdenkende eingesetzt, wurde dieses Instrument schon bald dazu genutzt, um Juden und Staatsfeinde systematisch zu schikanieren und auszugrenzen. 

Schonungslos gegen Hilfebedürftige und Schwache

Schonungslos war der Studie zufolge auch das Vorgehen des Vertrauensärztlichen Dienstes und der Heilstätten der Landesversicherungsanstalten gegenüber Hilfebedürftigen und Schwachen. So wurden etwa Zwangsarbeiter und Tuberkulose-Erkrankte als „arbeitsscheu“, „asozial“ und „für den Volkskörper unbrauchbar“ diffamiert und terrorisiert. Die Machtergreifung“ durch die Nazis war zudem begleitet von institutionellen Umbrüchen: Die Selbstverwaltung der Landesversicherungsanstalten wurde zerschlagen und das Führerprinzip etabliert.

Widerstand gegen das NS-System innerhalb der Rentenversicherung gab es nach den Recherchen Miquels nur vereinzelt. Beeindruckend sind seinen Forschungen zufolge etwa die Biographien der Gewerkschafter und Sozialdemokraten Gustav Schiefer und Max Peschel. Als engagierte Selbstverwaltungsmitglieder wurden beide während der NS-Zeit misshandelt und schikaniert. Gleichwohl oder gerade deswegen wurden beide nach 1945 zu zentralen Figuren des Wiederaufbaus der in München beheimateten Landesversicherungsanstalt Oberbayern. 

Mehr zum Thema

  • Das Buch „Die bayerischen Landesversicherungsanstalten im »Dritten Reich«" ist ab sofort durch eine E-Mail an pressestelle@drv-bayernsued.de erhältlich.
     
  • Statements der Vorstandsvorsitzenden der bayerischen Rentenversicherungsträger:

Verena Di Pasquale, Vorsitzende des Vorstandes der DRV Bayern Süd (Versichertenseite): 
Auf erschütternde Weise lässt sich den Darstellungen in den einzelnen Kapiteln entnehmen, wie rücksichtlos sich die NS-Verantwortlichen die Strukturen und Aufgaben der Rentenversicherung für ihre menschenverachtenden Zwecke zunutze machte.

Stephan Doll, Vorsitzender des Vorstandes der DRV Nordbayern (Versichertenseite):
Es ist erschreckend, wie in den damaligen Zeiten mit Menschen umgegangen, diese ausgegrenzt und verfolgt wurden und welche Macht dieses faschistische Denken und Handeln doch hatte.

Ludwin Debong, Vorsitzender des Vorstandes der DRV Schwaben (Versichertenseite):
Nach mehr als 70 Jahren Kontinuität in der Selbstverwaltung der Sozialversicherung kann uns heute ein Blick zurück lehren, wie fragil auch etablierte Strukturen in der Bedrohung durch antidemokratische Kräfte sein können.


Weitere Artikel

Time
2 Minuten

Das Ende der abschlagsfreien Frührente nach 45 Beitragsjahren ist ein Zankapfel der geplanten Rentenreform. Thorsten Frei wendet sich gegen SPD-Vorstellungen, wie lang die Übergangsfrist sein soll.

Time
2 Minuten

Setzt die Koalition die Rentenreform um oder überlegt es sie sich bei der populären „Rente mit 63“ noch einmal anders? Die Sozialministerin will die Reform – und macht ein Versprechen.

Time
2 Minuten

Der Kanzler macht auch nach der CDU-Schlappe in Sachsen-Anhalt klar, dass große Gesetzesvorhaben weitergehen sollen. Bei der Rente signalisiert er Gesprächsbereitschaft über eine heikle Frage.

Time
2 Minuten

Gesellschaftsforscher haben sich eine wichtige Zahl zur Rente genauer angeschaut: die statistische Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren. Wie nah liegt sie an der Wirklichkeit?

Time
6 Minuten

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt mehren sich Stimmen in der Regierungskoalition, die viele Reformpakete wieder aufschnüren wollen. Im Zentrum der Kritik: die Vorschläge der Alterssicherungskommission.

Time
2 Minuten

Der erstmalige Bezug von Altersrente lag 2025 laut Jahresbericht der deutschen Rentenversicherung bei durchschnittlich 64,7 Jahren.

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Verpassen Sie kein Thema mehr.

Unser Newsletter informiert Sie regelmäßig und aktuell rund um die Themen Rente, Finanzen, Gesundheit und Soziales. Keine Werbung und 100% kostenlos.

Kontakt zur Deutschen Rentenversicherung

Wie können wir Ihnen weiterhelfen?
Icon Telefon
Kostenloses Servicetelefon
Mo. – Do. 08:00 – 19:00, Fr. 08:00 – 15:30
Logo Deutsche Rentenversicherung
Eine Initiative der Deutschen Rentenversicherung

Rechtliches

Service

Kostenlos und jederzeit abbestellbar – nach dem Absenden wählen Sie Themen und Rhythmus.

Logo klein Deutsche Rentenversicherung
Eine Initiative der Deutschen Rentenversicherung
© Ihre-Vorsorge 2026