Bad Homburg (sth). In Fachkreisen stehen ihre Namen seit vielen Jahren für sozialpolitische Forschung auf höchstem Niveau. Deshalb können sich am deutschen Alterssicherungssystem Interessierte – Studierende, Lehrende und politisch Forschende – nur freuen, dass zehn renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jetzt für die Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" gemeinsam einen Blick auf den Zustand und die Herausforderungen der Alterssicherung hierzulande geworfen haben. Die 48 Seiten umfassende Publikation, die von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) herausgegeben wird, steht kostenfrei auf der bpb-Website zur Verfügung. ihre-vorsorge.de stellt die wichtigsten Beiträge vor.
Den Einstieg in das breite Themenfeld, das die Autorinnen und Autoren unter die Lupe nehmen, macht der Sozialforscher Gerhard Bäcker vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen. Bäcker stellt das deutsche "Vier-Schichten-System" aus gesetzlicher Rente (Beamtenversorgung), betrieblicher Altersvorsorge (öffentliche Zusatzversorgung), privater Altersvorsorge und der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung vor. Eine zentrale Erkenntnis des Wissenschaftlers ist, dass das seit Beginn des Jahrhunderts als Leitbild propagierte Mehr-Säulen-Modell der Altersvorsorge für bestimmte Bevölkerungsgruppen Probleme aufwirft: "Gerade jene Beschäftigte, die aufgrund ihrer Erwerbsbiografie nur geringe Rentenansprüche zu erwarten haben, sind am wenigsten in der Lage, mit ihrem ohnehin geringen Einkommen noch zusätzlich vorzusorgen", so Bäcker. Zwar räumt er ein, dass der demografische Wandel "Finanzierungsprobleme" aufwerfe. "Diese Probleme dürfen allerdings nicht dramatisiert werden", warnt der Sozialforscher und sieht als Schlüssel zu ihrer Bewältigung mehr Erwerbstätigkeit von Frauen und Zugewanderten an.
Dem langsam, aber stetig wachsenden Problem der Altersarmut gehen die Soziologin Claudia Vogel von der Hochschule Neubrandenburg und der Alternsforscher Harald Künemund von der Universität Vechta auf den Grund. Ihre These: Mehr Eigenverantwortung in der Altersvorsorge – wie die Politik sie seit der Riester-Reform von 2001 seitens der Bevölkerung erwartet – könne "nicht die Lösung für das Problem einer steigenden Altersarmut sein". Denn die Rede von mehr Eigenverantwortung suggeriere "fälschlicherweise, dass Armut im Alter selbstverschuldet und durch individuelle Verhaltensveränderung vermeidbar sei". Stattdessen fordern die Wissenschaftler, das deutsche Altersvorsorgesystem so auszugestalten, "dass es allen sichere Alterseinkommen und einen verlässlichen Schutz vor finanzieller Not im Alter bietet". Ihr Fazit: Der beste Weg, um dieses Ziel zu erreichen, sei die "Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung".
Warum gehen immer noch viele Beschäftigte vorzeitig in Rente?
Die Sozialforscher Götz Richter, Anita Tisch (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) und Lutz Bellmann (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) sowie der Arbeitsmediziner Hans Martin Hasselhorn von der Universität Wuppertal fragen danach, warum ein großer Teil der Beschäftigten immer noch vor der regulären Altersgrenze aus dem Berufsleben ausscheidet. Das Ergebnis ihrer Analyse: "Krankheit und Erschöpfung spielen eine große Rolle", so die Wissenschaftler. Allerdings hätten etwa 15 Prozent der Beschäftigten in der Babyboomer-Altersgruppe mit Risiken zu kämpfen, die ihre Weiterarbeit trotz gesundheitlicher Probleme zwingend erforderlich mache: "ein geringes Einkommen, schlechte Arbeitsbedingungen und eine schlechte Gesundheit". Die Forscher fordern deshalb: Damit mehr ältere Beschäftigte bis zur regulären Altersgrenze arbeiten können, sei "ein Wandel von Arbeitsbedingungen, die Öffnung von Weiterbildungschancen für benachteiligte Gruppen, der Abbau der Barrieren bei der Wiederbeschäftigung Älterer sowie eine Kultur der Anerkennung" auch einfacher Arbeitsleistungen erforderlich.
Der Ökonom Axel Börsch-Supan vom Munich Center for the Economics of Aging (MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik unterbreitet mehrere Lösungsvorschläge, um die angesichts des demografischen Wandels bestehenden Zielkonflikte zwischen einem stabilen Rentenniveau und einem stabilen Rentenbeitrag bei einer steigenden Lebenserwartung mit zunehmender Rentenlaufzeit miteinander in Einklang zu bringen. Eine laut Börsch-Supan "zentrale Einsicht der Rentenpolitik" ist dabei: Die demografisch bedingte finanzielle Zusatzbelastung muss entweder von den Jüngeren (Beitragszahlenden) oder den Älteren (Rentenbeziehenden) bezahlt werden – oder von beiden "in einem jeweils angemessenen Verhältnis". Als bestes Instrument zur Lösung des Problems erweist sich nach Ansicht des Altersvorsorgeexperten ein "Generationengerechtigkeitsfaktor". Dieser würde Beitragssatz und Rentenniveau so dem demografischen Wandel anpassen, "dass beide Generationen weiterhin eine stetig steigende Kaufkraft zur Verfügung haben", so Börsch-Supan.
