Berlin/Frankfurt am Main (sth). Wenn sich Expertinnen und Experten laut Gedanken machen, kann es gut sein, dass sie aus der Politik, von Medien oder anderen Fachleuten dafür Prügel einstecken müssen. Das erlebt gerade auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung - in der Öffentlichkeit besser als die “fünf Wirtschaftsweisen” bekannt. In ihrem neuen Jahresgutachten haben sich die Ökonominnen und Ökonomen unter anderem mit der Frage befasst, wie die gesetzliche Rentenversicherung in Zeiten des demografischen Wandels finanziell nachhaltig bleiben und zugleich ein für alle angemessenes Sicherungsniveau sicherstellen kann.
Einer der Vorschläge, den die Regierungsberater in ihrem mehr als 450 Seiten umfassenden Papier machen, ist eine sogenannte progressive Rentenberechnung. Die würde in der Praxis bedeuten: Verdienste von Beschäftigten mit unterdurchschnittlichem Verdienst werden in der Rente künftig überproportional bewertet, die gesetzlichen Alterseinkünfte von Gutverdienern dagegen weniger stark steigen als nach derzeitiger Gesetzeslage. Eine progressive Rentenberechnung stünde allerdings - wie die Wirtschaftsweisen selbst einräumen - "mit dem Äquivalenzprinzip in Konflikt”. Dieses Prinzip besagt, dass jedem in der Erwerbsphase gezahlten Euro Rentenbeitrag im Alter der gleiche Rentenanspruch gegenüberstehen muss.
"Umverteilungsnummer ist eine Schnapsidee"
Kein Wunder, dass aus wirtschaftsnahen Kreisen gleich Widerspruch zu hören war: “Die Umverteilungsnummer, die sich die Wirtschaftsweisen da ausgedacht haben, ist eine Schnapsidee”, kommentierte etwa die “Wirtschaftswoche”. Und auch eine der Sachverständigen, die das neue Wirtschaftsweisen-Gutachten mitverfasst hat, stellte sich in einem Minderheitenvotum gegen den Vorschlag ihrer Kollegen: “Durch die von der Ratsmehrheit vorgeschlagene Umverteilung innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung wird das Äquivalenzprinzip zugunsten des Solidarprinzips geschwächt", schreibt die Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm von der Uni Erlangen-Nürnberg. Dadurch gehörten alle Beschäftigten mit einem überdurchschnittlichen Jahreseinkommen (derzeit mehr als rund 43.100 Euro, d. Red.) zu den “Verlierern einer solchen Reform”, so Grimm.
Für das deutsche Rentensystem hätte eine progressive Rentenberechnung mit Blick auf die bald stark steigende Zahl von Rentnerinnen und Rentnern dagegen mehrere Vorteile, stellt die Mehrheit der Sachverständigen fest: Das Rentenniveau (das Verhältnis der Nettorente eines Durchschnittsverdieners nach 45 Beitragsjahren zu seinem früheren Nettoverdienst, d. Red.) könnte “dauerhaft bei rund 47 Prozent stabilisiert werden”. Zudem würde würde der Rentenbeitrag “nur moderat ansteigen und die Marke von 21 Prozent nur kurzzeitig überschreiten”, so die Wirtschaftsweisen. Bis 2025 ist das Rentenniveau gesetzlich bei mindestens 48 Prozent fixiert, zudem darf der Rentenbeitrag in diesem Zeitraum nicht über 20 Prozent steigen.
Zustimmung in der Mehrheit der Bevölkerung
In der Bevölkerung würde ein solcher Schritt überwiegend Zustimmung finden, sind sich die Wirtschaftsfachleute mehrheitlich sicher. So zeigten repräsentative Umfragen, “dass eine große Mehrheit der Bevölkerung eine stärkere Umverteilung im deutschen Rentensystem befürwortet”, heißt es im Gutachten der Sachverständigen. Demnach würden 77 Prozent der Befragten ein Rentensystem bevorzugen, “das zugunsten von Geringverdienenden umverteilt”.
Zudem weise eine progressive Rentenberechnung “bereits kurzfristig günstige Effekte auf den Beitragssatz auf und belastet ausschließlich Personen mit überdurchschnittlichen Einkommen”, so die Wirtschaftsweisen. Gleichzeitig könne so aufgrund der niedrigeren Ausgaben für die Renten das Rentenniveau “langfristig stabilisiert werden”. Insbesondere Personen mit geringem und mittlerem Einkommen könnten davon überdurchschnittlich profitieren und so “die Armutsgefährdung im Alter verringert werden”, schreiben die Sachverständigen. Ihr Fazit: “Die günstige Wirkung dieser Reformoption auf Beitragssatz und Sicherungsniveau dürfte in der Zukunft weiter anhalten.”
Es wird spannend zu beobachten sein, ob die Expertendiskussion über eine progressive Rentenberechnung hierzulande auch politisch Fahrt aufnimmt - und sich eine Abkehr vom hierzulande besonders stark verankerten Äquivalenzprinzip wirklich durchsetzen lässt. Beispiele aus dem Ausland für eine progressive Rentenberechnung gibt es jedenfalls - nicht zuletzt in den USA.
