Bad Homburg (sth). Mehr als drei Millionen Menschen im Alter von über 60 Jahren waren im September 2020 in Deutschland noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Unter ihnen befanden sch laut den jüngsten Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) knapp 400.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die bereits das 65. Lebensjahr vollendet hatten – zwei Drittel davon jenseits der persönlichen Regelaltersgrenze. Dazu kamen knapp eine Million Minijobber ab 65 Jahren, die bis zu 450 Euro pro Monat zu ihrer Rente hinzuverdienten. Doch was veranlasst Menschen, nach einem oft jahrzehntelangen Berufsleben auch noch im Rentenalter gegen Bezahlung zu arbeiten?
Eine Frage, der die Forscher Andreas Mergenthaler und Frank Micheel vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) im kürzlich veröffentlichten Datenreport 2021 – Sozialbericht für Deutschland des Statistischen Bundesamts nachgegangen sind. Die zentrale Erkenntnis der Wissenschaftler: Der Wunsch, auch im Ruhestandsalter erwerbstätig zu bleiben, hängt wesentlich vom persönlichen Bildungsgrad, dem Gesundheitszustand, der Suche nach sozialen Kontakten und der finanziellen Notwendigkeit ab. So begünstige etwa ein guter Gesundheitszustand "die Wahrscheinlichkeit der Verwirklichung einer Erwerbsabsicht im Ruhestandsalter in einem deutlichen Ausmaß", heißt es in der Studie der BIB-Forscher.
Zudem gebe es geschlechterspezifische Unterschiede bei der Arbeitsmotivation: Während für Frauen soziale Beziehungen im Job neben der Rente die wichtigste Rolle spielten, seien es "bei den Männern gerade im Jahr 2019 am häufigsten finanzielle Motive" gewesen, stellten die BIB-Mitarbeiter fest. Darüber hinaus hänge eine Weiterarbeit nach der Altersgrenze oft davon ab, ob man "beim aktuellen oder letzten Arbeitgeber nach dem Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze" ein entsprechendes Angebot erhalten habe. Fast jede dritte in einer Umfrage untersuchte Person, der vom Arbeitgeber ein Job jenseits der Altersgrenze in Aussicht gestellt worden sei, habe "eine Erwerbsabsicht im Ruhestandsalter umsetzen" können, so Mergenthaler und Micheel.
Norm des verdienten Ruhestands nicht infrage stellen
Angesichts der ungleichen Ausgangslage für überdurchschnittlich gebildete und oft gesunde Beschäftigte auf der einen Seite und nicht mehr erwerbsfähigen Arbeitnehmern auf der anderen warnen die Wissenschaftler davor, Arbeit im Rentenalter zu einer neuen Norm zu erklären. Verlässliche Politik für ältere Menschen müsse darauf achten, dass Erwerbstätigkeit im Ruhestandsalter "einen freiwilligen Charakter behält", fordern Mergenthaler und Micheels.
Auch heute noch freuten sich die meisten Menschen nach einem jahrzehntelangen Berufsleben auf die Ruhephase – "unabhängig davon, ob diese Personen eine hohe Arbeitszufriedenheit in ihren vergangenen Berufskarrieren hatten oder nicht". Diese Wahlfreiheit solle auch künftig bestehen und "die Norm des wohlverdienten Ruhestands ... nicht infrage gestellt werden", so das Plädoyer der BIB-Forscher. Eine wichtige Aufgabe der Politik sei es deshalb, "diejenigen nicht zu stigmatisieren, die entweder im Ruhestand nicht arbeiten möchten oder es beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr können", schreiben Mergenthaler und Micheels.
