Bad Homburg (sth). Der kapitalgedeckte Teil innerhalb der schwedischen gesetzlichen Rentenversicherung, die sogenannte Prämienrente, soll reformiert werden. Ziel der von einer Rentenkommission vorgelegten Pläne ist es, die Prämienrente künftig so auszugestalten, dass die erste Säule des schwedischen Rentensystems "der staatlichen Verantwortung für ein öffentliches Rentensystem gerecht werden könne". Das schreibt die Münchner Sozialrechtlerin Anika Seemann in einer (kostenpflichtigen) Studie, die in der Zeitschrift "Deutsche Rentenversicherung" veröffentlicht wurde. Die Studie Seemanns hat angesichts der kürzlich von der FDP vorgeschlagenen "Aktienrente" erhebliche Brisanz.
Laut dem FDP-Modell, das ausdrücklich das schwedische Rentenmodell als Maßstab für den eigenen Vorstoß benennt, sollen die rentenversicherten Beschäftigten in Deutschland künftig zwei Prozentpunkte des derzeit bei 18,6 Prozent liegenden Rentenbeitrags in Aktien investieren. "Gerade Menschen mit geringem Einkommen würden so erstmals von den Chancen der globalen Aktienmärkte profitieren und zu Unternehmensteilhaberinnen und -teilhabern werden", begründeten die beiden FDP-Bundestagsabgeordneten Johannes Vogel und Christian Dürr ihren Vorstoß. Zudem werde die gesetzliche Säule der Alterssicherung auf diese Weise "langfristig abgesichert und durch die Teilkapitaldeckung gegen demografische Herausforderungen gefestigt", heißt es in einem Positionspapier der Liberalen-Politiker.
Unwissenheit der Bevölkerung trägt zur Reform bei
Eine wesentliche Ursache der geplanten Schwedenrenten-Reform ist der Analyse Seemanns zufolge, dass das Anfang der 2000er-Jahre in Kraft getretene Modell von weiten Teilen der Bevölkerung wegen Unwissenheit und Risikobedenken nicht so akzeptiert wurde wie von der Regierung erhofft. In Schweden zahlen die Versicherten verpflichtend derzeit 2,5 Prozentpunkte des Rentenbeitrags von 18,5 Prozent in die Prämienrente ein – offiziell AP7-Fonds genannt. Dieser basiert wiederum auf einem Aktienfonds und einem Rentenfonds. "Der Aktienfonds verfolgt eine Hochrisiko-Anlagestrategie und investiert hauptsächlich in Aktien, der Rentenfonds verfolgt eine Niedrigrisiko-Anlagestrategie und investiert hauptsächlich in Anleihen", schreibt Seemann.
Viele Schweden machten nach Angaben der Sozialrechtsexpertin vor allem von ihrem Recht, für den kapitalgedeckten Teil der Rente die Fonds selbst auszuwählen, wenig oder gar keinen Gebrauch. Deshalb wurde das System bereits im Jahr 2010 erstmals reformiert. So wurde der sogenannte Auffangfonds, in dem die Gelder all jener Versicherten angespart wurden, die keine eigene Anlagestrategie entwickelten, auf einen sogenannten Lebenszyklusfonds umgestellt. Dieser passt das Risikoniveau der Anlage an das Alter des Versicherten an: Bis zum Alter von 55 Jahren wird das gesamte Kapital der Versicherten "dem Aktienfonds zugeordnet; zwischen 56 und 75 wird jährlich das Verhältnis in Richtung Rentenfonds verschoben", heißt es in der Studie.
Weitere Reform in Vorbereitung
Im Herbst 2017 nahm eine Expertenkommission jedoch eine weitere Reform der Prämienrente in Angriff, die zwei Jahre später auch zu einem Reformentwurf führte. Demnach soll die Prämienrente künftig dadurch gekennzeichnet sein, "dass keine Anlageentscheidung und kein Finanzwissen des Einzelnen erforderlich sind", so Seemann. Nur Versicherte, die darauf beharren, ihr Fondsportfolio weiterhin selbst zusammenzustellen und über ausreichende Kenntnisse in der Kapitalanlage verfügen, sollen dies auch künftig tun können. Das Ziel der Prämienrente solle künftig sein, "ein hochqualitiatives Rentensparen zu ermöglichen, das eine sichere Rente sicherstellen soll", schreibt Seemann.
Dieser Anspruch stieß bei der schwedischen Regierung und dem AP7-Fonds selbst inzwischen auf Widerspruch. Die von der Expertenkommission formulierten Ziele für die Prämienrente seien "teils wenig zielführend oder oder gar widersprüchlich", so Seemann. Es zeichne sich deshalb derzeit ab, dass sich "die Reform der Prämienrente verzögern wird".
