Gütersloh (sth). Die alternde Bevölkerung in Deutschland erfordert laut einer am Donnerstag veröffentlichten Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung weitreichende Maßnahmen, um die öffentlichen Haushalte in den kommenden Jahrzehnten nicht zu überfordern. Dazu gehört nach Ansicht von Studienautor Martin Werding, Wirtschaftswissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, auch eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters nach dem Jahr 2030.
Um die staatliche Schuldenlast abzuschwächen, die nach Berechnungen Werdings bis 2035 von derzeit 66,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) voraussichtlich auf 71,5 Prozent steigen wird, stehen seiner Ansicht nach mehrere Hebel zur Verfügung:
- mehr Beschäftigung und Wachstum durch mehr Zuwanderer und die schnellere Integration von ausländischen Fachkräften
- ein erleichterter Zugang von Frauen – insbesondere Müttern – zum Arbeitsmarkt durch bessere Möglichkeiten der Kinderbetreuung
- ein steigendes Renteneintrittsalter, "indem zumindest ein Teil der gestiegenen Lebenserwartung in eine verlängerte Erwerbsphase übersetzt wird"
- eine bessere Bildung und eine Verbesserung des Gesundheitszustands der Beschäftigten
- eine höhere Geburtenrate, die "langfristig geeignet" wäre, die Einnahme-Ausgaben-Relation zu entspannen.
Doppelte Haltelinie längerfristig "nicht zu halten"
Die bis 2025 gesetzlich fixierte "doppelte Haltelinie" für die Rentenversicherung – Rentenniveau von mindestens 48 Prozent und Rentenbeitrag von höchstens 20 Prozent – sei längerfristig "nicht zu halten", ist Werding überzeugt. "Bliebe diese Regelung dauerhaft erhalten, bedeutete dies für den Bund, dass er für massive Fehlbeträge in der gesetzlichen Rentenversicherung einstehen müsste." Werdings Berechnungen zufolge müssten sich die Steuerzuschüsse an die Rentenkassen in diesem Fall bis zum Jahr 2035 von 92,4 Milliarden Euro (im Jahr 2019, in Preisen von 2015) auf "knapp 181 Milliarden Euro nahezu verdoppeln".
Alternativ müsste das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung angepasst werden, so der Ökonom. Bei einer Zunahme der Lebenserwartung um ein Jahr "würden nach 2030 dann zwei Drittel des ,gewonnenen' Jahres der Erwerbsarbeit zugeschlagen und ein Drittel dem Rentenbezug". Auf diese Weise bliebe das Verhältnis von Erwerbs- und Rentenbezugsphase weitgehend konstant (bei etwa 2:1, d. Red.). Das Rentenniveau könne so bis nach 2060 bei über 45 Prozent gehalten werden, so Werding.
Zudem ließe sich der Beitragssatz zur Rentenversicherung bei rund 24 Prozent stabilisieren, rechnet der Wissenschaftler vor. "Eine stabile, positive Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktivität würde dafür sorgen, dass die Renten absolut betrachtet in der Zukunft dennoch deutlich höher wären als heute". Dafür notwendig sei allerdings ein "aufeinander abgestimmtes Maßnahmenpaket zur Sicherung unseres Sozialstaats", sagte Andreas Esche, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung, bei der Vorstellung der Studie. Akzeptanz werde dies aber nur finden, wenn die Lasten von der gesamten Gesellschaft getragen würden.
