Wuppertal (buw/sth). Viele Beschäftigte aus den sogenannten Babyboomer-Jahrgängen wollen vorzeitig in Rente gehen. Allerdings sind die Motive für diese Entscheidung sehr unterschiedlich. Das geht aus der vierten Welle der repräsentativen Studie „lidA – leben in der Arbeit“ hervor, die seit 2011 regelmäßig von der Bergischen Universität Wuppertal erhoben wird. Die Studie beobachtet, wie sich Arbeitsbedingungen und Erwerbsverläufe verändern und welche persönlichen Motive hinter der Entscheidung stehen, das Erwerbsleben zu verlassen.
Schon 2019 hatte die lidA-Studie herausgefunden, dass unter älteren Erwerbstätigen nur zehn Prozent bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten möchten. Erste Zahlen aus der bundesweit laufenden aktuellen Welle bestätigen: Dieser Trend scheint ungebrochen. Dabei bedeutet drei Vierteln der Befragten ihre Arbeit laut eigener Aussage „sehr viel“. Wie erklärt sich dieser scheinbare Widerspruch?
Bei einem Teil der Beschäftigten sind schlechte Gesundheit und schlechte Arbeitsbedingungen der Grund dafür, dass das Arbeiten nicht mehr möglich scheint. „Stichwort Arbeitsqualität: Hier sollte einiges in den Betrieben getan werden, um Vielen die Weiterarbeit zu erleichtern. Dass dies möglich ist, zeigen unsere Ergebnisse. Die jüngeren Beschäftigten würden von verbesserten Arbeitsbedingungen sogar langfristig profitieren“, so Prof. Hans Martin Hasselhorn, Leiter der Studie an der Bergischen Universität Wuppertal.
Doch selbst unter den vielen Beschäftigten mit guter Gesundheit und guter Arbeitsfähigkeit wollen nur 12 Prozent (statt 10 Prozent) bis zum Rentenalter arbeiten. Die Gründe? Unter Befragten, die schon vor dem 65. Lebensjahr in Rente gehen wollen, zeigt sich: Die meisten wünschen sich vor allem „mehr freie Zeit“. Sehr viele meinen zudem, dass „irgendwann Schluss sein“ müsse. Erst mit deutlichem Abstand nennen sie als Grund für den frühen Ausstiegswunsch eine vorhandene finanzielle Absicherung, eine zu anstrengende Arbeit oder gesundheitliche Gründe. Erwartungsgemäß unterscheiden sich verschiedene Berufsgruppen dabei sehr deutlich. So werden die Gründe „anstrengende Arbeit“ und „gesundheitliche Probleme“ von Personen in Pflegeberufen doppelt so oft genannt wie von Personen in Verwaltungstätigkeiten.
Bessere Arbeitsbedingungen, mehr Gestaltungsmöglichkeiten
Jedoch ist der Wunsch nach dem früheren Austritt aus dem Arbeitsleben noch keine unumstößliche Entscheidung. 75 Prozent aller Personen mit Frühausstiegswunsch wären unter bestimmten Bedingungen bereit, doch länger zu arbeiten. Als Bedingungen wurden am häufigsten genannt: „Wenn ich frei bestimmen könnte, wieviel ich arbeite.“, „Wenn ich frei bestimmen könnte, wann ich arbeite.“, „Wenn die Arbeit nicht zu anstrengend wäre.“ und „Wenn die Arbeit gut bezahlt würde“.
„Betriebe, die möchten, dass ihre Beschäftigten länger im Erwerbsleben bleiben, sollten überlegen, wo und wie deren Arbeitsbedingungen verbessert werden können. Insbesondere wird es darum gehen, ihren älteren Beschäftigten mehr Mitwirkung bei der Arbeitsgestaltung einzuräumen. Den Führungskräften kommt hier eine zentrale Rolle zu. Schon früh sollten sie mit ihren Mitarbeitenden über deren Vorstellungen von den letzten Arbeitsjahren reden und ihnen dabei auch deutlich machen, dass sie im Betrieb noch gebraucht werden. Das Thema „meine letzten Arbeitsjahre“ wird in den Betrieben sehr oft übersehen“, ordnet Hasselhorn die Befunde ein.
