München (tö). Etwa 860.000 Menschen in Deutschland sind auf die staatliche Grundsicherung (Hartz 4) angewiesen, obwohl sie gleichzeitig erwerbstätig sind. Insgesamt hatte damit 2021 jeder Fünfte, der Hartz 4 bezieht, zusätzlich einen Job. Dies geht aus einer Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor. Demnach sind unter diesen sogenannten Aufstockern überdurchschnittlich viele Alleinerziehende. Fast die Hälfte der Aufstocker ist als Minijobber geringfügig beschäftigt. Mehr als drei Viertel erhielten einen Niedriglohn von weniger als zwei Dritteln des jährlichen mittleren Stundenlohns.
Aufstocker vor allem unter den Alleinerziehenden
Eine Langzeitanalyse des IAB für die Jahre 2010 bis 2018 zeigt, wie wichtig der familiäre Hintergrund für die Stellung der Grundsicherungsempfänger am Arbeitsmarkt ist. So haben fast ein Drittel aller Leistungsbezieher, die in einer Familie mit Kindern leben, in dieser Zeit zusätzlich einen Job gehabt, obwohl Grundsicherungsempfänger von ihrem Hinzuverdienst nur einen kleinen Teil ihres Einkommens behalten dürfen. Alleinerziehende sind unter allen Haushaltsgruppen am häufigsten als Aufstocker erwerbstätig, Laut der Analyse bezog gut jeder sechste erwerbstätige alleinerziehende Elternteil zusätzlich die Sozialleistungen.
Generell sei das Risiko, trotz Arbeit auf die Grundsicherung angewiesen sein zu müssen, für Haushalte mit Kindern verglichen mit Singles oder kinderlosen Paaren höher, heißt es in der Studie. Dies gelte besonders dann, wenn Kinder unter zwölf Jahren zu versorgen sind. „Jüngere Kinder benötigen zumeist mehr Zeit und Fürsorge. Doch vielfach fehlen Betreuungsstrukturen oder -angebote, die es Eltern und insbesondere Alleinerziehenden ermöglichen würden, einen Beruf in Vollzeit oder auch, wie in der Schichtarbeit, zu bestimmten Zeiten auszuüben“, sagte Anette Stein, Direktorin Bildung bei der Bertelsmann Stiftung.
Kindergrundsicherung soll Situation der Familien verbessern
In den vergangenen Jahren war laut den Daten der Bundesagentur für Arbeit der Anteil der Aufstocker unter den Hartz-4-Empfängern leicht rückläufig. Dies dürfte vor allem daran liegen, dass tausende Jobs während der Corona-Pandemie in der Dienstleistungsbranche weggefallen sind, etwa in der Gastronomie. Auch viele aufstockende Alleinerziehende hätten ihren Job aufgeben müssen, weil es in dieser Zeit noch schwerer gewesen sei, Arbeit und Kinderbetreuung miteinander zu vereinbaren, erklärten die Experten von IAB und der Bertelsmann Stiftung. Die neue Bundesregierung will nun durch eine Kindergrundsicherung die Situation der betroffenen Familien verbessern.
