München (tö). In nur noch zweieinhalb Monaten ist es so weit: Das Altersvorsorgedepot (AV-Depot) löst die Riester-Rente ab. Von 2027 an soll die staatlich geförderte Altersvorsorge einfacher, günstiger und renditestärker werden, mit geringeren Kosten und mehr Freiheit bei der Geldanlage und Auszahlung. Viele Banken, Neobroker und Fondsgesellschaften haben bereits Angebote für ein AV-Depot vorlegt, es geht um ein Milliardengeschäft. Doch das staatlich organisierte Standardangebot, das den privaten Anbietern Konkurrenz machen sollte und als ein Kernelement der groß angelegten Reform gilt, kommt nun womöglich doch nicht.
Bereits im Juli 2026 zeichnete sich ab: Beim geplanten staatlichen Angebot gibt es Verzögerungen. Nun steht es womöglich sogar vor dem Aus. Darauf deutet zumindest eine Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine mündliche Frage des Grünen-Finanzexperten Stefan Schmidt im Bundestag hin, über die die Süddeutsche Zeitung berichtete. Demnach prüft das Ministerium von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) immer noch, wie sich das komplexe Vorhaben umsetzen lässt. In der Antwort des Ministeriums heißt es dazu: “Es gibt bisher keine Behörde, die über die notwendigen Verwaltungsstrukturen verfügt; zudem gibt es hohe europarechtliche Hürden.”
Ein weiterer Satz in der Antwort des Ministeriums legt den Schluss nahe, dass das von Klingbeil geführte Haus ein staatliches Angebot offenbar auch gar nicht mehr für so dringlich hält. Der Grund: Zahlreiche Anbieter, so ist der Antwort zu lesen, hätten "bereits angekündigt, zum Marktstart am 1. Januar 2027 Produkte mit Kosten weit unterhalb des für Standarddepotverträge vorgegebenen Kostendeckels von einem Prozent anzubieten”. Das sendet aber laut SZ “die Botschaft: Wenn die Privatanbieter ohnehin günstige Angebote machen, ist ein staatliches Angebot, das gute Standards setzt, womöglich nicht nötig”.
Außerdem verweist das Bundesfinanzministerium auf die Empfehlungen der Regierungskommission zur Altersvorsorge. Diese empfiehlt, eine Kapitalrente in der gesetzlichen Rentenversicherung einzuführen und “Doppelstrukturen” zu vermeiden, also Kapitalrente und Altersvorsorgedepot in eine Hand zu legen. Zwar verlangte die Kommission, eine Lösung “zeitnah” zu diskutieren. Derzeit sieht es allerdings so aus, dass sich die Bundesregierung dafür viel Zeit lässt.
Experten warnen
Der Grünen-Finanzexperte Schmidt warnt deshalb vor möglichen Folgen. “Der Abschied vom öffentlichen Standarddepot wäre ein Desaster für alle Sparer”, sagte der Bundestagsabgeordnete der SZ. Er hält es für falsch, sich darauf zu verlassen, dass der Markt schon alles regelt. “Dass sich die Privatanbieter gerade einen regelrechten Unterbietungswettbewerb liefern, liegt doch genau daran, dass es eine Diskussion um das öffentliche Standarddepot und um die Preise gibt”, argumentiert Schmidt. Seiner Ansicht nach ist das staatliche Depot enorm wichtig – als Maßstab für niedrige Kosten und verbraucherfreundliche Vertragsbedingungen. Je länger ein solches Angebot fehle, “desto größer ist die Gefahr, dass der Markt sich ohne diese öffentliche Alternative entwickelt und die Sparer Angebote mit unnötig hohen Kosten oder ungünstigen Bedingungen abschließen.”
So sieht es auch Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Das staatlich organisierte Standardprodukt sei wichtig als “Preisanker” im Vergleich zu Angeboten, die günstig starten und später teurer werden. Er verweist auf Berechnungen, die zeigten, dass unterschiedliche Depotkosten sich bis zur Rente auf Zehntausende Euro summieren.
Komme das staatliche Angebot zu spät oder gar nicht, verfehle die Reform ihr Ziel genau bei denen, die am meisten von ihr hätten: “Bei Menschen mit kleinen Einkommen und bei denen, die heute in schlechten Verträgen festsitzen oder sich von der privaten Vorsorge abgewandt haben, weil sie Verkaufsgesprächen gegen die eigenen Interessen nicht mehr trauen”, sagte Nauhauser. Er rät allen potenziellen Vorsorgesparerinnen und Sparern, nicht voreilig einen Vertrag abzuschließen oder vorschnell von der Riester-Förderung in die neue Förderung zu wechseln. “Es besteht kein Zeitdruck.” Bis Ende 2027 würden mehr Angebote und Vergleiche vorliegen – und idealerweise vielleicht doch noch ein staatliches Standarddepot.
