Berlin (dpa/tmn). Auch im Jahr 2020 verdienen Männer noch mehr als Frauen. Doch was hilft gegen den sogenannten Gender Pay Gap? Die Finanzexpertin Henrike von Platen sagt: Um Gehaltstransparenz und ein faires Lohnsystem zu etablieren, muss Geld mehr zum Gesprächsthema werden. Im Interview erklärt sie, wie das geht.
Wichtig ist, dass ein faires Regelwerk erkennbar ist und die Gehaltsstruktur eines Unternehmens öffentlich gemacht wird. Das heißt nicht, dass sämtliche Gehälter für alle einsehbar sein müssen. Unterschiedliche Unternehmenskulturen gehen unterschiedlich mit Transparenz um.
Wenn ich aber merke: Ich sehe Dinge, die mir schleierhaft sind, wenn die Spielregeln nicht klar sind oder das Regelwerk hinter den Gehältern viel zu komplex und umständlich ist, dann habe ich auch keine Transparenz.
In manchen Unternehmen wird Betriebszugehörigkeit bewertet und ich bekomme einfach dadurch mehr Geld, dass ich länger da bin. In anderen Unternehmen wiederum zählt das gar nicht. Beide Systeme können als fair wahrgenommen werden, aber beide Varianten brauchen ein verständliches Regelwerk. Und dann muss ich für mich entscheiden, ob diese Unternehmenskultur zu mir passt.
Danach lässt sich das Gespräch mit Kollegen und Kolleginnen suchen. Viele denken immer noch, dass das verboten ist, weil es dazu Klauseln im Arbeitsvertrag gibt. Diese Klauseln sind allerdings vielfach gar nicht rechtens.
Ich darf über mein Gehalt reden. Und ich darf auch Vorgesetzte fragen: Sagen Sie mir doch mal, warum verdiene ich, was ich verdiene? Wie setzt sich das zusammen? Warum kriege ich genau diese Summe? Ist meine Berufserfahrung mit eingepreist oder nicht? Dann müssen sich alle damit auseinandersetzen und damit hat man schon viel gewonnen.
Stattdessen ist es besser, mit klugen Fragen mehr herauszufinden: Wie setzt sich denn mein Gehalt zusammen? Und ist das fair? Man kann solche Themen geschickt in passende Situationen einbauen. Zum Beispiel im Personal- oder Weiterentwicklungsgespräch.
Vielleicht brauche ich nicht alle Details, sondern eher einen Anhaltspunkt. Und dann kann man darüber diskutieren, warum die Gehälter so sind wie sie sind. Ich erlebe immer wieder, wie groß das Erstaunen ist, wenn Menschen anfangen, offen über ihre Gehälter zu sprechen. Es ist faszinierend, wie wenig die Leute oft darüber wissen.
Man sollte aber nicht vergessen: Niemand ist allein dafür verantwortlich das gesamte Entgeltsystem zu ändern. Die Unternehmen haben die Möglichkeit, die Strukturen zu verändern, die Verantwortung liegt bei ihnen.
Zur Person: Henrike von Platen
Henrike von Platen ist Gründerin des FPI Fair Pay Innovation Lab. Sie unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung nachhaltiger Entgeltstrategien. Die Wirtschafts- und Finanzexpertin ist auch als Hochschulrätin, Dozentin und Buchautorin tätig.
