Frankfurt/Main (dpa). Die Rekordinflation im Euroraum zwingt Europas Währungshüter zum Gegensteuern: Zum dritten Mal in Folge erhöht die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen. Der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB leihen können, steigt um 0,75 Prozentpunkte auf 2,0 Prozent. Zinsanhebungen freuen Sparer, haben aber auch Schattenseiten.
Comeback der klassischen Geldanlage
Nahezu alle Kreditinstitute haben Negativzinsen auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto abgeschafft und tasten sich an höhere Sparzinsen heran. „Wir sehen aktuell ein deutliches Comeback der klassischen Geldanlagen wie Tagesgeld- oder Festgeldkonten“, berichtet Moritz Felde, Geschäftsführer Finanzservice bei der Vergleichsplattform Check24. Nach Daten des Verbraucherportals Biallo werden für einjähriges Festgeld aktuell im Schnitt knapp ein Prozent Zinsen bezahlt.
Preise bleiben hoch
Auf eine schnelle Entspannung bei den Preisen können die Menschen auch nach der dritten Zinserhöhung im Euroraum in Folge nicht hoffen. Gegen steigende Energiepreise, die die Inflation vor allem anheizen, sind Europas Währungshüter weitgehend machtlos.
Die Notenbank kann aber dazu beitragen dass sich die Teuerungsrate nicht dauerhaft auf hohem Niveau festsetzt. Die Sorge: „Rechnen die Bürger auch langfristig mit einer hohen Inflation, werden die Gewerkschaften hohe Lohnsteigerungen fordern und zum Teil durchsetzen“, erläuterte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank in einem Gastbeitrag in der „Börsen-Zeitung“. „Hinzu kommt, dass Unternehmen leichter höhere Preise durchsetzen können, wenn die Menschen ohnehin mit einer hohen Inflation rechnen.“ Es besteht die Gefahr, dass sich Löhne und Preise dann gegenseitig hochschaukeln.
Kredite werden teurer
Für Kreditnehmer ist es teurer geworden, sich frisches Geld zu leihen. Check24 zufolge zahlen Kreditnehmer beispielsweise für einen neuen Ratenkredit in Höhe von 10.000 Euro mit einer Laufzeit von 36 Monaten aktuell im Schnitt 8,50 Euro mehr pro Monat als noch im Januar.
Bauzinsen sind nicht direkt von EZB-Zinsentscheidungen abhängig, sondern orientieren sich an der Verzinsung von Bundesanleihen. Bereits vor den Zinserhöhungen der Notenbank sind die Bauzinsen gestiegen. Höhere Zinsen treffen vor allem diejenigen, die ein neues Darlehen brauchen oder eine Anschlussfinanzierung für einen Immobilienkredit. Bei laufenden Hypothekenkrediten ändert sich nichts an der Zinshöhe.
Kaum Bewegung bei Lebensversicherungen
Bis der Altersvorsorgeklassiker in der Breite von höheren Zinsen am Kapitalmarkt profitiert, dürfte es noch eine Weile dauern. Branchenexperten erwarten, dass Lebensversicherer zunächst sogenannte stille Lasten in der Bilanz abbauen, die durch die Zinswende entstehen, statt die Überschussbeteiligung zu erhöhen. Die Überschussbeteiligung, die Assekuranzen je nach Wirtschaftslage und Erfolg ihrer Anlagestrategie jedes Jahr neu festsetzen, ist ein wichtiger Teil der laufenden Verzinsung.
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