Frankfurt/Main (dpa). Das Problem ist alles andere als neu – aber es ändert sich nur langsam etwas in den Köpfen von Patientinnen und Medizinern. Seit Jahrzehnten zeigen Studien, dass Frauen öfter an einem Herzinfarkt sterben als Männer. Die Ursache liegt, wie es scheint, auf beiden Seiten: Frauen suchen oft zu spät Hilfe, werden dann aber auch oft falsch behandelt. Wie kann das sein?
Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Herzinfarkt zu sterben, ist bei Frauen mehr als doppelt so hoch wie bei Männern, wie erst kürzlich wieder ein Studie zeigte, die in Prag bei einem Kongress der European Society of Cardiology (ESC) vorgestellt wurde.
Allerdings hatten in dieser Studie die Frauen oft andere Vorerkrankungen als die Männer. Daher führten die Forscher eine weitere Analyse durch, bei der sie 435 Männer und Frauen nach Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Cholesterin und Rauchen in Gruppen einteilten. Anschließend wurden nur Männer und Frauen verglichen, bei denen das Risiko übereinstimmte. Auch hier gab es gravierende Unterschiede.
„Bei übereinstimmenden Patienten über 55 Jahren traten alle gemessenen unerwünschten Ergebnisse bei Frauen häufiger auf als bei Männern“, so die Forscher. Einen Herzinfarkt hatte mehr als ein Drittel der Frauen erlitten, verglichen mit 18 Prozent der Männer. Etwa elf Prozent der Frauen starben innerhalb von 30 Tagen nach einem Herzinfarkt, verglichen mit drei Prozent der Männer.
Symptome unterscheiden sich
Woran liegt das? Ein Grund ist, dass sich die Symptome bei Männern und Frauen unterscheiden. Bei Frauen träten häufiger weniger eindeutige Symptome auf, sagt Kardiologin Tiefenbacher – etwa Atemnot, ein Ziehen in den Armen, unerklärliche Müdigkeit, Angstzustände, Schweißausbrüche, Übelkeit oder Erbrechen sowie Schmerzen im Oberbauch oder im Rücken. Der bei Männern typische Brustschmerz stehe bei Frauen häufiger nicht im Vordergrund.
Schon in den 1990er Jahren beschrieb eine US-amerikanische Kardiologin das „Yentl“-Syndrom. Der Name nimmt Bezug auf eine Kurzgeschichte von Isaac Bashevis Singer, die von und mit Barbra Streisand verfilmt wurde: Ein Mädchen verkleidet sich als Mann, um ernstgenommen zu werden. Die US-Kardiologin hatte herausgefunden, dass Frauen mit Herzinfarkt schneller Hilfe bekamen, wenn sie die typisch männlichen Symptome schilderten.
Inzwischen würden im Medizinstudium und in Weiterbildungen die geschlechtsspezifischen Unterschiede zunehmend gelehrt, sagt Tiefenbacher. Sie ist überzeugt: „Mit der jüngeren Generation wird das besser.“ Aber wohl noch nicht genug, denn Studien aus USA und Polen haben ergeben, dass die Symptome häufiger nicht erkannt werden, wenn Frauen mit einem Herzinfarkt an einen jüngeren männlichen Arzt geraten statt an eine weibliche Kardiologin.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen unterschätzt
Aber die Defizite in der Medizin sind nur die eine Seite des Problems – die andere sind die Frauen selbst. Besonders ältere Frauen zögern oft deutlich länger als Männer, bis sie Hilfe holen, auch das zeigen viele Studien. „Frauen rufen bei Herzinfarkt-Symptomen den Notarzt für ihre Männer, Väter und Brüder, aber nicht für sich selbst“, fasste die European Society of Cardiology eine Studie aus Polen von 2019 zusammen.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam 2017 eine Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZKH): Bei älteren Frauen vergingen durchschnittlich viereinhalb Stunden, bis sie in der Notaufnahme waren, bei jungen Frauen waren es knapp zweieinhalb Stunden. Bei Männern über 65 dauerte es dreieinhalb Stunden, bei jungen Männern drei Stunden. „Dadurch geht wertvolle Zeit verloren, um die verschlossenen Blutgefäße wieder zu eröffnen und die Schädigung des Herzmuskels einzuschränken“, so das DZHK.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen würden bei Frauen immer noch unterschätzt, betont die Deutsche Herzstiftung zudem. Dabei seien diese Erkrankungen hierzulande mit über 180.000 Sterbefällen pro Jahr die häufigste Todesursache bei Frauen. 18.000 starben laut Todesursachenstatistik 2021 an einem Herzinfarkt.
