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Was steckt hinter Hypochondrie?

Für Hypochonder ist die Angst vor der Krankheit selbst eine Krankheit, mit ernsten Folgen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit.

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Was steckt hinter Hypochondrie?

© Nicht definiert

Berlin (dpa/tmn). Kopfschmerzen halten sie für einen Hirntumor. Schlägt das Herz schneller, könnte es ein Infarkt sein. Und dieses Husten gerade – vielleicht Lungenkrebs? So krank, wie viele Menschen denken, sind sie eigentlich nicht. „Ich bin ein Hypochonder“, sagen sie dann. Doch selbst diese Diagnose stimmt oft nicht.

Hypochondrische Ängste

Denn was man umgangssprachlich unter Hypochondrie versteht, ist höchstens eine ganz leichte Form dieser Krankheit. Bei der ernsten Variante sprechen Experten von der hypochondrischen Störung – betroffen sind davon aber nur sehr wenige Menschen.

„Statistiken sprechen von 0,05 Prozent“, sagt Julia Scharnhorst vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Andere Studien kommen auf 0,5 bis 3 Prozent, ergänzt Sven Steffes-Holländer, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Chefarzt an der Heiligenfeld-Klinik Berlin. „Alltags-Hypochonder“, wie er das nennt, gebe es aber sicher mehr – fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung vielleicht.

Es gibt viele Varianten der eingebildeten Krankheit

Varianten der eingebildeten Krankheit gibt es viele. Ein typischer Fall: Personen, in deren Bekanntenkreis jemand schwer erkrankt oder gar stirbt, erkennen bei sich manchmal ähnliche Symptome wie sie die Verstorbenen zeigten. „Das sind jedoch keine hypochondrischen Ängste“, sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes für Psychiatrie und Psychotherapie.

Nach einem Arztbesuch ist es meist vorbei

Meist sei diese Unruhe nach ein paar Wochen oder einem Arztbesuch wieder vorbei. Sie empfiehlt in diesen und ähnlichen Fällen einen gemeinsamen Realitäts-Check in der Familie oder unter Freunden. Gibt es tatsächlich Risikofaktoren? Oder eine genetische Vorbelastung? Spreche die Familie offen über Gefühle und Ängste, habe das ebenfalls einen präventiven Effekt. Und auch Verfahren wie progressive Muskelentspannung, Yoga oder autogenes Training können dabei helfen, harmlosere Krankheits-Ängste in den Griff zu bekommen.

Hypochondrische Störung: Wenn ein Symptom zum Todesurteil wird

Wer dagegen an einer hypochondrischen Störung leidet, entdeckt nicht nur Symptome – er befürchtet konkret, zum Beispiel an Krebs oder einem Herzleiden zu sterben. Und meist braucht es dafür nicht viel: „Viele dieser Krankheiten beginnen mit unspezifischen Symptomen, die auch unter Stressbelastungen auftreten können“, erklärt Steffes-Holländer. Etwa Sehstörungen, Schwindel, Brust- oder Bauchschmerzen und Übelkeit.

Doch anstatt die Beschwerden zum Beispiel mit Stress zu erklären oder anderen eher harmlosen Gründen, werden sie für die Betroffenen zum vermeintlich sicheren Todesurteil. „Das Denken kreist permanent um die Unversehrtheit des eigenen Körpers“, sagt Steffen-Holländer.

Zwanghafte Kontrolle der eigenen Befindlichkeit

Zu der schon fast zwanghaften Kontrolle der eigenen Befindlichkeit kommt der wiederholte Arztbesuch, wie Roth-Sackenheim erklärt. Beruhigen lassen sich die Patienten dadurch jedoch nicht. Vielmehr suchen sie immer noch weitere Ärzte auf – der erste könnte ja aus Unkenntnis nichts entdeckt haben. Manch einer lässt so ohne Not unangenehme oder gar schmerzhafte Untersuchungen über sich ergehen.



Das Internet macht es noch schlimmer

Das Internet ist in dem Fall eher Fluch als Segen, sagt Scharnhorst – seltene Symptome und Krankheiten sind schließlich immer nur ein paar Mausklicks entfernt. „Patienten suchen Erklärungsmodelle für ihre Beschwerden, wollen aber auch die Schwere ihrer Symptomatik beweisen“, sagt Steffes-Holländer. Belastungen werden vermieden, um nicht noch schlimmer zu erkranken, die Tagesstruktur ist dahin. „Viele können sich auf normale Alltagsaufgaben nicht mehr konzentrieren, im schlimmsten Fall wird man arbeitsunfähig“, schildert Roth-Sackenheim.

Wodurch wird echte Hypchondrie ausgelöst?

Ein Auslöser der echten Hypochondrie kann der plötzliche Verlust von nahe stehenden Personen sein. „Häufig beginnt die Störung schon zuvor, aber die Erfahrung ist dann der letzte Auslöser“, erklärt Scharnhorst.

Auch Entzündungen oder Funktionsstörungen der Schilddrüse können Angsterkrankungen auslösen, sagt Roth-Sackenheim. Diese Variante lasse sich gut mit Medikamenten wie Cortison oder Schilddrüsen-Hormonen behandeln. Ansonsten kommen zum Beispiel Antidepressiva oder eine Verhaltenstherapie zum Einsatz. Man könne lernen, gut mit den Angstsymptomen umzugehen, sagt Scharnhorst.

Verhaltenstherapie kann helfen

In die Verhaltenstherapie werden oft die Angehörigen mit eingebunden, erklärt Steffes-Holländer. Man suche gemeinsam ein Erklärungsmodell: Gab es etwa Eltern, die ängstlich-überbehütend auf körperliche Symptome geachtet haben?

Die Therapie soll helfen, alternative Erklärungen für ein Unwohlsein zu finden und nicht zu häufig zum Arzt zu gehen. Der Patient setze sich bewusst mit seinen Ängsten auseinander. Auch Sport gehört dazu, um das Vertrauen in den eigenen Körper wiederzugewinnen.

Auch die Frage nach der Rolle der Ängste ist wichtig: Ist es ein Weg, Aufmerksamkeit zu erhalten, überhaupt gesehen zu werden? Oder ist Hypochondrie eher eine Art, das eigene Gefühlsleben auszudrücken? Manchen gebe eine solche Angst auch die Legitimation kürzer zu treten, im Beruf etwa, sagt Steffes-Holländer. Diese Menschen müssten vor allem lernen, legitime Gefühle und Wünsche nicht nur durch Symptome auszudrücken – und Hilfe anzunehmen.

Weitere Informationen

pubpsych.zpid.de
Studie zur Verbreitung von Hypochondrie in Deutschland (auf Englisch)

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