München (dpa/lby). Nach den ersten Fällen von Affenpocken in Deutschland erwarten Mediziner eine weitere Ausbreitung – mit Risiken für Menschen mit einem stark geschwächten Immunsystem. Von einer großen Ansteckungswelle in der Bundesrepublik gehen aber weder die behandelnden Ärzte des ersten Affenpocken-Patienten in München noch das Robert Koch-Institut aus. Mittlerweile sind drei Fälle in Deutschland bekannt: der erste in München, die beiden weiteren in Berlin.
„Ich bin überzeugt, dass es insgesamt noch weitere Fälle in Deutschland geben wird“, sagte bereits vor Bekanntwerden der Berliner Fälle Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie des Schwabinger Krankenhauses. Dort wird ein 26-Jähriger aus Brasilien mit der ersten je in Deutschland gemeldeten Affenpocken-Erkrankung behandelt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO berichtet mit Stand Samstag von rund 90 bestätigten Infektionen und 30 Verdachtsfällen in Ländern, in denen das Virus normalerweise nicht auftritt.
Was sind Affenpocken?
Affenpocken sind eine auf ein Virus zurückgehende Erkrankung. Der Erreger wurde erstmals 1958 in einem dänischen Labor bei Affen nachgewiesen – daher der Name Affenpocken. Fachleute vermuten allerdings, dass der Erreger eigentlich in Hörnchen und Nagetieren zirkuliert, Affen gelten als sogenannte Fehlwirte. Das Affenpockenvirus ist auch auf den Menschen übertragbar.
Was sind die Symptome von Affenpocken?
Zu den Symptomen zählen: plötzlich einsetzendes Fieber, starke Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Halsschmerzen, Husten, häufig auch Lymphknotenschwellungen. Typisch ist zudem ein vom Gesicht auf den Körper übergreifender, pockentypischer Ausschlag. Selten treten Erblindung und entstellende Narben als Dauerschäden auf.
Wie gefährlich sind Affenpocken?
Die kursierende Variante des Affenpocken-Virus ruft nach Angaben von Gesundheitsbehörden meist nur milde Symptome hervor, kann aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen.
Es sind zwei Varianten des Erregers bekannt: Die mildere, westafrikanische Variante führt nach Angaben von Wendtner zu einer Sterblichkeit von etwa einem Prozent, vor allem Kinder unter 16 Jahren. „Man muss aber bedenken, dass diese Daten aus Afrika nicht zwingend übertragbar auf das Gesundheitswesen in Europa oder den USA sind, bei uns wäre die Sterblichkeit eher niedriger anzusetzen. Das ist eine Erkrankung, die meines Erachtens nicht das Potenzial hat, die Bevölkerung massiv zu gefährden.“ Die Sterblichkeit für die zweite, zentralafrikanische Variante wird mit etwa zehn Prozent angegeben.
Bei allen bisher genetisch analysierten Proben handelte es sich um die westafrikanische Erreger-Variante, auch bei dem Patient in München. Alle Altersgruppen und Geschlechter gelten dem RKI zufolge als gleichermaßen empfänglich.
Risiko für Menschen mit geschwächtem Immunsystem
Es gebe immunsupprimierte Patientengruppen, bei denen Vorsicht geboten sei, sagte Wendtner auf Anfrage. Immunsupprimiert bedeutet, dass Patientinnen und Patienten mur über sehr geschwächte Abwehrkräfte verfügen. „Dazu gehören beispielsweise HIV-Patienten ohne ausreichende medikamentöse Krankheitskontrolle, aber zum Beispiel auch Tumorpatienten mit schwerer Immunsuppression etwa nach Stammzelltherapie.“
Gibt es einen Impfstoff?
Seit 2013 ist in der EU der Impfstoff Imvanex zugelassen. „Dies ist ein Lebendimpfstoff, der aus einer abgeschwächten Form des Pocken-Impfstoffs hergestellt wird. Die Erreger sind so abgeschwächt, dass sie sich nicht vermehren können, sonst könnten immungeschwächte Patienten nicht geimpft werden“, sagte der Wissenschaftler. „Wir haben nun eine Diskussion, wie man diese Risikogruppen besser schützen könnte und ob man eine sogenannte Riegelimpfung für sie einführen sollte.“
Riegelimpfungen sind nach Wendtners Erläuterung Impfungen, die für bestimmte Bevölkerungsgruppen – in diesem Fall Menschen mit geschwächter Immunabwehr – begrenzt eingeführt werden könnten, um die weitere Ausbreitung des Affenpockenvirus zu unterbinden.
Ältere meist dank Pockenschutzimpfung geschützt
„Wir gehen davon aus, dass die ältere Generation, die vor 1980 noch gegen die klassischen Pocken geimpft wurde, einen sehr hohen Schutz auch gegen Affenpocken hat, diese Menschen sind sehr wenig bis gar nicht gefährdet.“ Mit dem Medikament Tecovirimat gibt es nach Wendtners Worten auch eine seit Januar 2022 in der EU zugelassene Therapiemöglichkeit. „Tecovirimat ist ein kleines Molekül, das die Bildung des schützenden Hüllproteins des Affenpocken-Erregers verhindert, so dass die Virusfreisetzung aus der Wirtszelle verhindert wird“, sagte Wendtner. „Das Mittel ist auf dem Weg nach Schwabing – nicht unbedingt für unseren Patienten, aber für nicht auszuschließende weitere Fälle.“
Wie ansteckend ist das Virus?
Die Wissenschaft geht nach Worten Wendtners davon aus, dass mit Affenpocken infizierte Patienten drei bis vier Wochen ansteckend sind. „Unser Patient ist seit 13./14. Mai symptomatisch, so dass er noch zwei bis drei Wochen vor sich hätte. Das hängt aber natürlich immer vom individuellen Verlauf der Infektion ab.“
Es handle sich um eine klassische Schmierinfektion, „die durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten, aber auch das gemeinsame Nutzen von Bettwäsche oder das Teilen von Kleidung von Infizierten übertragen wird. Promiskuität und ungeschützter Geschlechtsverkehr sind Risikofaktoren.“
