Gesundheit / 10.02.2020

Eltern von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen sollten gezielt nach einer Reha fragen

Depression, Angststörung oder Sprachprobleme: 27 Prozent aller Kinder und Jugendlichen waren 2017 mindestens einmal wegen psychischer Probleme beim Arzt, viele von ihnen müssen mehrfach behandelt werden. Mit einer psychosomatischen Kinder- und Jugendreha könnte dieser Kreislauf durchbrochen werden, doch noch immer kennen viel zu wenige Ärzte diese Möglichkeit. Deshalb sollten Eltern nachhaken.

Bild zum Thema Eltern von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen sollten gezielt nach einer Reha fragen: Jugendliche Schülerin sitzt allein und traurig im Klassenzimmer.

Dabei gibt es ungenutzte Ressourcen: „Das Reha-System könnte diese Lücke schließen“, sagt Edith Waldeck, Ärztliche Direktorin der Kinder- und Jugendreha-Einrichtung Edelsteinklinik im rheinland-pfälzischen Bruchweiler. Mit ihre-vorsorge.de spricht die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin über fehlende Informationen, große Chancen – und wie sie hofft, eine Brücke zu schlagen.

Frau Dr. Waldeck, wenn eine Kinder- und Jugendreha die Lösung ist, warum gehen nicht mehr depressive Kinder und Jugendliche im Anschluss an ihre Klinikbehandlung in eine psychosomatische Reha?

Dr. Edith Waldeck: Ich denke, dass vielen Psychiatrien, aus denen die jungen Patienten entlassen werden, die Möglichkeit einer psychosomatischen Reha einfach nicht bekannt ist. Und was man nicht kennt, kann man nicht empfehlen.

Wie leisten Sie Aufklärungsarbeit?

Dr. Edith Waldeck: Wir nehmen Kontakt zu Psychiatrien, Sozialdiensten und auch Jugendämtern auf und informieren darüber, dass es die Möglichkeit einer Reha als post-psychiatrische Behandlung gibt. Am besten wäre es, wenn die beiden Träger – Krankenkassen als Träger der Klinikbehandlung und Deutsche Rentenversicherung als Träger der Reha – enger zusammenarbeiten würden, um mehr Betroffene direkt nach der Klinik in die Reha zu bringen. Da müsste man sozusagen eine Brücke schlagen. Aber das gelingt noch nicht gut, die entsprechenden Stellen auf Seiten der Klinik haben das oft nicht auf dem Schirm. Das finde ich schade und ich verstehe es auch nicht so richti

Jedes vierte Schulkind in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten. Das berichtet der aktuelle Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit, für den die Krankenkasse Abrechnungsdaten von rund 800.000 minderjährigen DAK-Versicherten aus den Jahren 2016 und 2017 ausgewertet hat. Fast acht Prozent der depressiven Kinder zwischen zehn und 17 Jahren werden deshalb in akutpsychiatrischen Krankenhäusern behandelt. Im Schnitt bleiben sie 39 Tage – doch wenn sie entlassen werden, fehlt oft die ambulante Nachsorge. Mit der Folge, dass fast jedes vierte dieser Kinder innerhalb von zwei Jahren erneut in die Klinik muss. DAK-Vorstandschef Andreas Storm findet diese Quote alarmierend und spricht von „offenkundigen Versorgungslücken“.

Können Eltern auch selbst bei der Klinik nach einer Anschluss-Reha fragen, falls sie diese nicht angeboten bekommen?

Dr. Edith Waldeck: Selbstverständlich, Eltern sollten die behandelnden Ärzte und auch den Sozialdienst ansprechen. Die leiten das dann in die Wege, so dass die Reha sogar nahtlos anschließen kann.

Gibt es denn genug Plätze für alle jungen Patienten, denen eine psychosomatische Reha gut tun würde?

Dr. Edith Waldeck: Wir in der Edlesteinklinik haben 150 Patientenbetten plus Betten für Begleitpersonen. Aber natürlich gewichten wir nach der Dringlichkeit der Fälle. Im System ist auf jeden Fall immer Kapazität da, es gibt ja 46 Einrichtungen in Deutschland, die Kinder- und Jugendreha anbieten. Übrigens, wenn mehr Anträge auf eine Kinder- und Jugendreha gestellt werden und dadurch der Bedarf berechenbar nach oben geht, können längerfristig die Kapazitäten ausgeweitet werden.

Kommen in Ihre Klinik eher begleitete oder unbegleitete Reha-Patienten?

Dr. Edith Waldeck: 60 Prozent unserer jungen Patienten werden begleitet, 40 Prozent kommen allein. Eltern oder andere Bezugspersonen können die jungen Patienten in die Reha begleiten und bekommen, falls sie berufstätig sind, von der Deutschen Rentenversicherung auch den Verdienstausfall erstattet. Darüber hinaus bekommen sie auch Reisekosten, Unterbringung und Verpflegung bezahlt. Außerdem lernen sie in eigenen Schulungen, besser mit der Erkrankung ihres Kindes umzugehen. Es macht also durchaus Sinn, dass sie mitkommen.

Laut DAK-Report hat die Zahl der Klinikeinweisungen wegen Depressionen zwischen 2016 und 2017 um fünf Prozent zugenommen. Warum dieser Anstieg?

Dr. Edith Waldeck: Konkret kann ich diese Ursache nicht erklären, es ist wahrscheinlich eine Mischung aus mehreren Faktoren. Vielleicht werden Depressionen heute leichter diagnostiziert, vielleicht hat die Stigmatisierung nachgelassen, vielleicht ist Depression auch „in Mode“. Aber tatsächlich kommen auch zu uns mehr Kinder und Jugendliche mit Depressionen, selbst ganz kleine Kinder können schon betroffen sein.

Laut DAK-Report haben Kinder mit einer chronischen körperlichen Erkrankung insbesondere im Jugendalter ein bis zu 4,5-fach erhöhtes Depressionsrisiko. Ist es ratsam, bei einer chronischen körperlichen Erkrankung eine Reha zu beantragen, um der Entwicklung

Dr. Edith Waldeck: Eine Depression ist eine endogene Erkrankung, für die man eine Veranlagung braucht. Sicher gibt es aber auch eine reaktive Depression, die als Reaktion auf etwas ausbricht. Zum Beispiel auf die Diagnose einer chronischen körperlichen Krankheit, so etwas kann Anpassungsstörungen und andere psychische Probleme hervorrufen.

Von daher macht es absolut Sinn, bei körperlichen chronischen Krankheiten eine entsprechende Reha für Kinder oder Jugendliche zu beantragen, damit sie besser mit ihrer Erkrankung leben können, in der Schule nicht zurückfallen und später gut zurecht kommen.

Rehas gibt es für zum Beispiel für Allergien, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Krankheiten des Bewegungsapparates, Erkrankungen der Leber und des Verdauungssystems, Nieren- und Harnwegskrankheiten, Herz- und Kreislauf-Krankheiten, Neurologische Krankheiten und Krebserkrankungen.

Ab wann kommt eine psychosomatische Reha für mein Kind infrage? Langen psychische Auffälligkeiten oder muss eine diagnostizierte Krankheit vorliegen?

Dr. Edith Waldeck: Es langt, wenn der Arzt bestätigt, dass das System aus den Fugen geraten ist, zum Beispiel in einer Trennungssituation, und der junge Mensch darunter leidet. Eltern können sich ohne psychiatrische Diagnose an den Kinderarzt, Hausarzt oder Psychotherapeut wenden, der den Reha-Antrag stellt.

Weitere Informationen

Autorenbild

Autor

Anne Zegelman