Rente / 01.04.2020

Experten reagieren auf Bericht der Rentenkommission

Ökonom Börsch-Supan, Ex-Rentenversicherungs-Chef Ruland und Sozialökonom Werding fordern demografiefeste Reformen. WSI: Gesetzliche Rente stärken.

Bild zum Beitrag "". Das Bild zeigt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit den beiden Vorsitzenden der Rentenkommission, Gabriele Lösekrug-Möller (SPD) und Karl Schiewerling (CDU).

Die Leiter der Rentenkommission Gabriele Lösekrug-Möller (SPD) und Karl Schiewerling (CDU) mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD)

Bad Homburg (sth). Nach dem Bericht der Rentenkommission – der die aktuellen Probleme wegen der Corona-Krise noch nicht berücksichtigt – fordern Rentenexperten unterschiedliche Konsequenzen. So sehen der Münchner Altersvorsorge-Experte Axel Börsch-Supan, Ex-Rentenversicherungs-Chef Franz Ruland und der Bochumer Sozialökonom Martin Werding die eigentliche Herausforderung für das Rentensystem weiter in der demografischen Entwicklung. Grund dafür sei der Alterungsprozess, der in Deutschland "stärker als in anderen Ländern" ist, schreiben die Wissenschaftler in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Selbst eine baldige positive Trendwende auf dem Arbeitsmarkt nach dem derzeitigen Konjunktureinbruch würde die Effekte der Bevölkerungsalterung "nur etwas mildern, keinesfalls ausgleichen".

Um die künftigen finanziellen Herausforderungen der Rentenversicherung stemmen zu können, fordern die Experten eine gleichmäßige Belastung von Beitragszahlern und Rentnern. So solle der Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenanpassungsformel zu einem "Generationengerechtigkeitsfaktor" umgestaltet und vereinfacht werden, heißt es. Dazu sollten bei einer weiter steigenden allgemeinen Lebenserwartung die zusätzliche Erwerbs- und die Rentenbezugszeit ungefähr im Verhältnis 2:1 aufgeteilt werden. "Diese Proportionen gilt es auch nach dem Jahr 2030 zu wahren", schreiben die Rentenfachleute.

Eine Stabilisierung der Rentenversicherung durch zusätzliche Steuerzuwendungen des Bundes sehen Börsch-Supan, Ruland und Werding kritisch. Da der Bund sich auch "mit erheblichem Aufwand an den Mehrbelastungen der Kranken- und Pflegeversicherung durch das Altern der Bevölkerung beteiligen" müsse, seien seine finanziellen Spielräume begrenzt. Diese Mittel sollten eher in Rentenbeiträge für Langzeitarbeitslose investiert werden, verlangen die Experten. Auch die eingeplanten Mittel für die Rentenzuschläge von künftigen Grundrentenbeziehern solle man "zielgenauer einsetzen", heißt es im Kommentar der Wissenschaftler. 

WSI vermisst Kehrtwende in der Rentenpolitik

Unzufrieden mit dem Bericht der Rentenkommission zeigen sich Wissenschaftler des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) und des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. So habe die Kommission "die notwendige Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung als Fundament der Alterssicherung in Deutschland zu wenig im Blick" gehabt, kritisieren die gewerkschaftsnahen Forscher. "Leider korrigieren die Vorschläge der Kommission nicht den 2001 eingeschlagenen Weg, auf dem die gesetzliche Rentenversicherung geschwächt und der Lebensstandard im Alter von kapitalbasierter privater und betrieblicher Vorsorge abhängig gemacht wurde", heißt es in ihrer Stellungnahme.

Der von der Kommission empfohlene Korridor bei den künftigen "Haltelinien" von Rentenniveau (44 bis 49 Prozent) und Rentenbeitrag (20 bis 24 Prozent, d. Red.) lasse zwar "eine geringfügige Verbesserung der Leistungen zu, allerdings auch eine weitere, deutliche Verschlechterung", so WSI-Rentenexperte Florian Blank. "Das ist die falsche Richtung." Die vergangenen beiden Jahrzehnten hätten gezeigt, "dass Kapitalmärkte zu anfällig sind, um wesentliche Teile der Alterssicherung daran zu koppeln", ergänzt Blank. Private und betriebliche Altersvorsorge könnten deshalb die gesetzliche Rente zwar "ergänzen, aber nicht ersetzen, auch nicht teilweise", betont der Wissenschaftler.

Mehr zum Thema:

www.sueddeutsche.de

Gastbeitrag von Prof. Börsch-Supan, Prof. Ruland und Prof. Werding in der "Süddeutschen Zeitung"

www.boeckler.de

Einschätzung des Berichts der Rentenkommission durch das WSI der Hans-Böckler-Stiftung

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Autor

Stefan Thissen