Berlin (sth). Dieses Bild dürfte vielen Menschen in Deutschland sehr geläufig sein: Wie die veränderte Altersstruktur in der Bevölkerung seit Beginn des 20. Jahrhunderts von einer “Pyramide” allmählich zu einem “Pilz” führte, dessen Bauch sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr nach oben verschoben hat. Dieses Bild hat die Debatte um ein zukunftsfähiges System der Alterssicherung hierzulande lange geprägt. Denn es suggerierte, dass die gesetzliche Rentenversicherung als tragende Säule des deutschen Altersvorsorgesystems aufgrund des demografischen Wandels langfristig nicht mehr tragfähig sein könne. Ein Fehlschluss, wie die Wissenschaftlerin Katharina Spieß vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) am Donnerstag bei der Jahrestagung des Forschungsnetzwerks Alterssicherung (FNA) in Berlin eindrucksvoll erläuterte.
Ursache für das in vielen Köpfen noch immer vorhandene “schiefe” Bild ist nach Darstellung Spieß', dass die demografische Veränderung allein nicht die Tragfähigkeit des deutschen Rentensystems abbilde. Eine möglichst gute Nutzung des sogenannten Erwerbspersonenpotenzials könne erheblich zu einer dauerhaften Stabilisierung der Rentenversicherung beitragen, erklärte die Expertin vor rund 130 vor Ort anwesenden und vielen weiteren Teilnehmenden, die sich digital zugeschaltet hatten. Deutlich machte die Wiesbadener Forscherin dies zum einen daran, dass in den vergangenen 30 Jahren zu dem früher weitgehend von männlichen Vollzeitbeschäftigten getragenen (west-)deutschen Arbeitsmarkt inzwischen eine große Zahl von vor allem teilzeit-beschäftigten Frauen hinzugetreten ist. Zudem sei die Zahl der Erwerbstätigen im Alter zwischen 55 und 66 Jahren (die derzeitige Regelaltersgrenze, d. Red.) in den vergangenen 20 Jahren erheblich gestiegen, sagte Spieß. Darüber hinaus habe die “Bildungsexpansion” der vergangenen Jahrzehnte dazu beigetragen, dass vor allem der Anteil der gut qualifizierten Frauen erheblich gewachsen sei, so dass die kleiner werdende Zahl vollbeschäftigter Männer besser ersetzt werden könne.
Mehrere Bausteine für bezahlbare Rente nötig
Weitere wichtige Bausteine für eine langfristig bezahlbare Rente können nach Darstellung der BiB-Direktorin eine durchschnittlich längere Verweildauer der rentenversicherungspflichtig Beschäftigten im Berufsleben, ein früherer Wiedereinstieg von Müttern mit (kleineren) Kindern in den Job sowie eine schnelle Integration von Zuwanderern in den deutschen Arbeitsmarkt sein. Vor allem für den frühen Wiedereinstieg von Müttern ins Berufsleben nach der Babypause sei allerdings ein Wertewandel in der Bevölkerung erforderlich, erläuterte die Expertin für Bevölkerungsökonomie. So hätten sich auch in aktuellen Umfragen westdeutsche Männer mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, dass Frauen erst ab einem Alter des jüngsten Kindes von zwölf Jahren wieder einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen sollten. In den neuen Ländern hätten Männer dagegen bereits für einen Vollzeitjob von Frauen plädiert, wenn das jüngste Kinder erst vier Jahre alt ist.
Damit Müttern jüngerer Kinder - insbesondere mit Zuwanderungshintergrund - ein frühzeitiger Wiedereintritt ins Berufsleben gelingt, ist nach Analysen der BiB-Forscherin vor allem ein breiter Ausbau von Kinderbetreuungs-Einrichtungen (Kita) nötig. Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab dem ersten Geburtstag eines Kindes sei derzeit jedoch vielerorts noch kaum umsetzbar. Mit Blick auf die für alle Sozialsysteme immer wichtigere Zuwanderung, besonders aber auch für ausreichend hohe Rentenansprüche von aus dem Ausland stammenden Frauen sei es deshalb zwingend erforderlich, Frauen mit Migrationshintergrund zügig beruflich und sprachlich zu integrieren, betonte Spieß.
