Berlin/Frankfurt am Main (sth). Der zunehmende Renteneintritt der Babyboomer-Jahrgänge und die erwartete rückläufige Zahl von Beschäftigten könnten in den kommenden Jahrzehnten einen erheblichen Anstieg des Rentenbeitrags erforderlich machen. Diese vor allem von Ökonomen befürchtete Entwicklung ist nach Ansicht des langjährigen früheren Forschungschefs der Deutschen Rentenversicherung (DRV), Reinhold Thiede, aber „eine zumindest diskussionswürdige Option“, um die Rentenhöhe trotz der demografischen Veränderung auch künftig auf einem ähnlichen Niveau wie heute halten zu können. Seine Position hat Thiede jetzt in einem Gastbeitrag für das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung begründet.
Erfahrungen aus der Vergangenheit – etwa aus den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren – hätten gezeigt, dass es “nicht gerechtfertigt” sei, dass „höhere Beitragssätze zur Sicherstellung ausreichender Rentenzahlungen … kategorisch ausgeklammert oder als nicht akzeptabel abgelehnt werden“, schreibt Thiede. Damals war der Rentenbeitragssatz um rund ein Viertel von 14 auf 18 Prozent gestiegen. Einen Kollaps der umlagefinanzierten Rente werde es angesichts dieser Erfahrungen trotz der wachsenden demografischen Belastung auch künftig „ebenso wenig geben wie in den vergleichbaren Phasen in den 1970er Jahren oder im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends“, ist sich Thiede sicher.
Rentenbeitrag könnte bis 2040 auf 21 Prozent steigen
Derzeit liegt der Rentenbeitragssatz bei 18,6 Prozent des Bruttolohns. Er wird von Beschäftigten und Arbeitgebern jeweils zur Hälfte bezahlt. Berechnungen des „Wirtschaftsweisen“ Martin Werding und von Mitarbeitern der Weisen im Herbst 2023 haben nach Angaben Thiedes ergeben, dass der Rentenbeitrag bei gleichbleibendem Rentenrecht „von heute 18,6 Prozent bis zum Jahr 2040 auf gut 21 Prozent ansteigt“. Weitere 40 Jahre später, im Jahr 2080, könnte der Beitragssatz zur Rentenversicherung demnach bereits bei 24 Prozent liegen.
Trotz dieser Aussichten wäre ein Rentenbeitrag von 21 Prozent im Jahr 2024 nach Ansicht Thiedes aber „auch im internationalen Vergleich nicht exorbitant hoch“. Er läge sogar „deutlich unter den Sätzen, die heute bereits in mehr als einem Dutzend europäischer Ländern Realität sind und dort weder zu größeren ökonomischen Problemen noch zu einem Zusammenbruch der Rentenversicherung führen“, so Thiede. Zum Beleg verweist der Rentenexperte auf das Beispiel Österreich, wo er der Rentenbeitrag – bei höheren Rentenzahlungen als in Deutschland – schon heute bei 22,8 Prozent liegt, „ohne dass dies zu gravierenden ökonomischen Problemen geführt hätte“.
