Berlin (sth). Rentenexperten bezweifeln, dass der im Ampel-Koalitionsvertrag vereinbarte flexible Renteneintritt zum Erfolg führen wird. Das Ziel der Koalitionsparteien, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch eine gezielte Arbeitszeitverkürzung zu entlasten und damit länger im Beruf zu halten, wirke zwar "auf den ersten Blick" überzeugend, schreiben die DIW-Forscher Johannes Geyer und Peter Haan sowie Arthur Seibold von der Universität Mannheim in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Es gebe bisher jedoch "keine belastbare Evidenz, dass Menschen durch mehr Flexibilität länger arbeiten".
Zur Begründung verweisen die Experten auf die nach wie vor geringe Resonanz auf Angebote wie die „Flexirente“. So zahlten die gesetzlichen Rentenversicherer nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Ende 2020 – trotz einer deutlichen Anhebung des zulässigen jährlichen Nebenverdiensts von 6.300 auf mehr als 44.500 Euro – nur knapp 24.000 von insgesamt rund 18,45 Millionen Altersrenten als Flexi-Teilrenten aus. Auch die vor allem in Großbetrieben und in der öffentlichen Verwaltung noch verbreitete Altersteilzeitarbeit diene "vor allem dem früheren Komplettausstieg aus dem Erwerbsleben und zum Personalabbau durch die Betriebe", so die Wissenschaftler.
Studien sprechen gegen früheren Rentenbeginn
Studien sprechen nach Ansicht der Experten dafür, dass "ein flexibles Renteneintrittsalter vor der Regelaltersgrenze die Beschäftigung reduziert". So gingen viele Beschäftigte bereits ab der frühestmöglichen Altersgrenze in Rente, auch wenn eine Weiterbeschäftigung für sie finanziell attraktiv wäre. "Das spricht gegen eine Absenkung des frühestmöglichen Rentenzugangsalters", stellen die Forscher klar. Zudem sei ein flexibles Renteneintrittsalter sozialpolitisch problematisch. Schon die versicherungsmathematisch "korrekte" Berechnung von Rentenabschlägen bei vorzeitigem Rentenbeginn berge "viel Streitpotential". Derzeit müssen Beschäftigte, die ein Jahr vor ihrer Regelaltersgrenze in Rente gehen wollen, einen lebenslangen Abschlag von 3,6 Prozent hinnehmen (oder 0,3 Prozent pro Monat).
Angesichts des demografischen Wandels seien derzeit "andere Aspekte des Rentensystems wichtiger als die Einführung eines flexiblen Renteneintritts", so das Fazit der Rentenexperten. Mit der Einführung der Rente mit 67 habe die Politik dazu auch ein "ein klares Signal gesetzt". Arbeiten über die Regelaltersgrenze hinaus solle deshalb zwar auch "mit finanziellen Anreizen" gefördert werden, heißt es im Kommentar der Experten. Eine spürbare generelle Erhöhung des Renteneintrittsalters sei jedoch nur "von einer weiteren Erhöhung der Regelaltersgrenze zu erwarten". Dabei müsse es allerdings Ausnahmen für Menschen geben, die es nicht schaffen, bis zur Regelaltersgrenze zu arbeiten, meinen die Wissenschaftler. Nur dann "kann die Erhöhung des Renteneintrittsalters umgesetzt werden".
