Frankfurt (sth). „Immer mehr gehen trotz Abschlägen vorzeitig in Rente”: So oder ähnlich lautete am Mittwoch in vielen Medien die Schlagzeile zu einem Bericht über die 2021 erneut gestiegene Zahl von Rentnerinnen und Rentnern, die für einen vorgezogenen Rentenbeginn Abschläge auf ihre Rente hinnahmen. Eine Allerwelts-Nachricht, die die meisten Medienkonsumenten vermutlich höchstens beiläufig zur Kenntnis genommen haben. Bemerkenswert an der von vielen Medien – sogar der „Tagesschau” – gleichermaßen genutzten Schlagzeile waren jedoch die Wort „Immer mehr”, denn sie deuten auf eine langanhaltende gleichmäßige Entwicklung hin. Doch stimmt das?
Ein Blick in die aktuelle Statistik der Deutschen Rentenversicherung (DRV) gibt Aufschluss. Tatsächlich gingen im Vorjahr knapp 211.000 Frauen und Männer aus Altersgründen in Rente, die keinen Anspruch auf eine ungekürzte Rentenauszahlung hatten. Das waren etwa 17.000 Rentnerinnen und Rentner mehr als im Vorjahr und etwa 33.000 mehr als im Jahr 2017. Auch der Anteil der Neu-Ruheständler, die für einen früheren Rentenbeginn Abschläge auf ihre Rente in Kauf nahmen, kletterte im vergangenen Jahr demnach auf 24,5 Prozent. In den beiden Jahren zuvor hatte die Quote noch bei 23,4 und 22,8 Prozent gelegen. Ist die Formulierung „Immer mehr” also doch richtig?
Jahrgänge mit fast 50 Prozent Abschlags-Altersrenten
Schaut man sich die DRV-Zahlen auch zu etwas weiter zurückliegenden Jahren an, beschleichen einen jedoch Zweifel. So gingen 2013 – bei einer wesentlich geringeren Zahl von Neurentnerinnen und -rentnern – noch mehr als 239.000 Beschäftigte vorzeitig mit Abschlag in Rente. Anteil: 36,9 Prozent. In den Jahren davor waren Zahl und Anteil der „Frührentner”, die zu Kürzungen ihrer Bezüge bereit waren, noch höher: 257.000 (39,6 Prozent) im Jahr 2012 und 338.000 (48,4 Prozent) im Jahr 2011. Gar bis ins Jahr 2005 lassen sich in der Statistik Neurentner-Jahrgänge zurückverfolgen, die zu mehr als 40 Prozent den abschlagspflichtigen Vorruhestand in Anspruch nahmen – dabei in jedem Jahr mehr als 300.000.
Die Quintessenz dieser kleinen journalistisch-selbstkritischen Betrachtung? Formulierungen wie „Immer mehr” oder „Immer weniger” lassen sich in den Medien in der Regel besser verkaufen als Auf- und Abwärtsentwicklungen, die langfristig in den meisten Bereichen des Lebens anzutreffen sind. Auf die Medienveröffentlichungen zu den vorzeitigen Altersrenten mit Abschlägen bezogen, halten wir deshalb wie ein Sprecher der Rentenversicherung den Ball bewusst flach: „Der Neuzugang der Altersrenten erhöht sich aufgrund der geburtenstarken Jahrgänge stetig.”
Berechnen Sie selbst, ab wann Sie frühestens mit und ohne Abschläge in Rente gehen können.
