München (tö). Kaum ist die Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge beschlossen, kommen schon die ersten Angebote auf den Markt. Doch bringen diese im Vergleich zu den alten Riester-Produkten für die Vorsorgesparer und Sparerinnen auch einen Fortschritt? Eine erste Warnung kommt jetzt vom wohl bekanntesten Finanzexperten der Verbraucherzentralen (VZ), Niels Nauhauser von der VZ in Baden-Württemberg. Er kritisiert, dass in neuen Produkten die Probleme der bisherigen Riester-Welt fortgeführt werden.
Darum geht es
Die Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, hat kürzlich erste Details ihrer neuen Produktwelt vorgestellt. Demnach wird es von 2027 an neben dem gesetzlich vorgeschriebenen Standardprodukt auch eine Lösung mit aktiv gemanagten Fonds geben, und zwar einmal ohne Garantie und einmal mit einer Garantie. Mit dieser werden – wie bei der Riester-Rente – die eingezahlten Beiträge und Zulagen zu 100 Prozent abgesichert.
Bei der Variante ohne Garantie will die Union Investment mit den Beiträgen der Sparenden in aktiv gemanagte, weltweit anlegende Fonds investieren, die sich am Weltindex MSCI World orientieren, der die Kursentwicklung von mehr als 1300 Aktien in 23 Industrieländern widerspiegelt. Nach den Angaben der Fondsgesellschaft sollen die Fondsmanager dabei aber bewusst vom Index abweichen können. Dadurch soll „eine höhere Rendite möglich“ sein, teilte das Unternehmen mit.
Bei der 100-Prozent-Garantie-Variante will Union Investment die Aktienquote abhängig von der Marktentwicklung machen und bei Kursverlusten automatisch in sicherere Anlagen umschichten. „Aus der Marktforschung wissen wir, dass für viele Anleger Sicherheit wichtig ist und sie sich eine 100-Prozent-Garantie wünschen“, heißt es bei der Fondsgesellschaft der genossenschaftlichen Bankengruppe.
Das kritisiert der Finanzexperte
Nauhauser fürchtet, „dass die Union Investment weiterhin die Interessen der Sparer:innen nicht in den Mittelpunkt ihrer Produkte rücken wird „. Er begründet dies unter anderem so: „Die empirische Bilanz des aktiven Managements ist seit Jahrzehnten eindeutig: Statt der versprochenen Outperformance kommt bei den Sparerinnen und Sparern langfristig meist eine Underperformance an, insbesondere nach Kosten.“ Nauhauser erinnert damit an zahlreiche wissenschaftliche Studien, die belegen, dass aktives Fondsmanagement meist niedrigere Renditen bringt als die Anlage mit vergleichbaren börsennotierten Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETF).
Hinzu kommt: „Produkte mit Kapitalgarantien suggerieren zudem eine Sicherheit, die sich in der Altersvorsorge als trügerisch erweisen kann“, schrieb der Finanzexperte in einem Beitrag auf dem Online-Netzwerk LinkedIn. Die Erfahrungen mit Riester-Produkten hätten gezeigt, „dass Garantien regelmäßig mit dauerhaft niedrigen Aktienquoten und entsprechend geringen Renditen erkauft werden“. Dass solche Produkte von Anlegerinnen und Anlegern gewünscht seien, könne auch „Ausdruck irreführender Sicherheitsversprechen und mangelnder Transparenz über den Zusammenhang von realen Renditechancen und realen Risiken sein“.
Die Ankündigung von Union Investment ist für ihn daher ein „weiterer Beleg dafür, wie wichtig ein staatlich organisiertes Standardprodukt ist, das durch hohe Transparenz, minimale Kosten und eine wissenschaftlich fundierte Anlagestrategie überzeugt“. Der Bundesrat hatte bereits vorgeschlagen, dass dafür die Bundesbank die Federführung übernehmen soll. Nach den jüngsten Angaben des Bundesfinanzministeriums ist das aber noch nicht entschieden.
Tipp: In Ruhe Angebote prüfen
Nauhauser warnte in einem Gespräch mit ihre-vorsorge.de davor, jetzt schon zu handeln oder sich auf irgendwelche Wartelisten setzen zu lassen. „Hier wird bewusst mit dem Eindruck einer künstlichen Verknappung gearbeitet, um Abschlussdruck zu erzeugen“, sagte er. Das Ziel dabei sei: Vorsorgesparer frühzeitig zu binden. Solange konkrete Konditionen, Kosten und Vertragsbedingungen nicht im Detail vorliegen, „gibt es keinen rationalen Grund, persönliche Daten zu Marketingzwecken zur Verfügung zu stellen“.
Die neue Förderung für die neuen Vorsorgeprodukte ist ab Jahresbeginn 2027 gültig. Anlegende haben also noch genug Zeit, sich zu informieren und sich einen Überblick zu verschaffen, auch über mögliche Vorzüge des dann angebotenen staatlich geführten Standarddepots.
