Viele, vor allem gesunde Menschen gehen für sich offenbar von einer deutlich geringeren persönlichen Lebenserwartung aus als zum Beispiel private Rentenversicherungen. Was ist die Ursache für diese Diskrepanz oder die Fehleinschätzung vieler Menschen?
Dr. Sebastian Klüsener: Ich selbst habe zu diesem Aspekt noch nicht geforscht. Meine Wahrnehmung ist, dass vielen Menschen nur Zahlen zur Lebenserwartung bei Geburt vertraut sind. Diese liegt derzeit für Männer bei etwa 78 Jahren und für Frauen bei etwa 83 Jahren. Dabei wird aber oft übersehen, dass die “fernere Lebenserwartung” im höheren Alter – also etwa nach Erreichen des 65. Lebensjahres - deutlich höher liegt: für Männer bei knapp 83 Jahren, für Frauen bei etwa 86 Jahren. Dazu kommt: Vielen Menschen ist nicht klar ist, dass der soziale Status, der sich über das eigene Bildungsniveau oder Einkommen ergibt, tendenziell einen verlängernden Einfluss auf die Lebenserwartung hat. Und wenn etwa gut Gebildete für die eigene Lebenserwartung den Mittelwert für die Gesamtbevölkerung als Grundlage nehmen, dann unterschätzen sie oft ihre verbleibende Lebenszeit.
In Ostdeutschland ist die fernere Lebenserwartung (ab Alter 65) bei den Männern um etwa ein halbes Jahr niedriger als in Westdeutschland. Bei den Frauen gibt es laut Statistischem Bundesamt keine Unterschiede mehr. Woran liegt das?
Ich schaue in meiner Forschung vor allem auf die Unterschiede bei der Lebenserwartung bei Geburt. Die ist im Osten bei Männern immer noch etwa ein Jahr niedriger als im Westen – und dieser Rückstand erklärt sich zu einem großen Teil durch eine Übersterblichkeit in den Geburtsjahrgängen 1950 bis 1975. Diese Jahrgänge waren besonders stark von dem Transformationsprozess nach der Wende betroffen. Ein Teil dieser Männer hat zwar von den Möglichkeiten nach der Wiedervereinigung auch profitiert, aber viele haben Erwerbsbiografien, die durch Brüche gekennzeichnet sind. Dadurch haben sich in dieser Generation auch die Sterblichkeitsrisiken erhöht – und zwar schon in relativ jungem Alter. Es ist zu befürchten, dass sich dieser “Kohorteneffekt” bis ins höhere Alter fortsetzt und diese Jahrgänge auch in Zukunft eine höhere Sterblichkeit haben werden als Männer in Westdeutschland. Auf die Sterblichkeit der Frauen hatte der ostdeutsche Transformationsprozess hingegen weniger Einfluss. Aktuell profitieren ältere Frauen in Ostdeutschland auch davon, dass sie weniger geraucht haben als gleichaltrige Frauen in Westdeutschland.
Es ist zu erwarten, dass die nach 1980 geborenen Personen in Ostdeutschland in ihrer Lebenserwartung nicht mehr von den direkten Folgen des Umbruchs betroffen sein werden. Was uns aber Sorgen bereitet: Nach der Wiedervereinigung hat das Rauchen im Osten stark zugenommen – besonders bei Frauen. Deshalb gehen wir davon aus, dass mittelfristig bei Frauen wieder Unterschiede bei der Lebenserwartung zwischen West- und Ostdeutschland aufbrechen werden.
Die Rentenkommission der vergangenen Bundesregierung hat im Frühjahr 2020 vorgeschlagen, dass ein künftiger Alterssicherungsbeirat „Anfang des Jahres 2026 erstmals eine Empfehlung darüber abgeben (soll), ob und in welcher Weise eine weitere Anhebung der Altersgrenze erfolgen sollte“. Ist ein solcher Schritt aus Sicht der Bevölkerungsforschung notwendig?
Die Frage des Rentenalters ist eine politische Frage. Wir sehen derzeit, dass die Lebenserwartung tendenziell ansteigt – und wohl auch künftig weiter ansteigen wird. Dies hat Auswirkungen auf die durchschnittlichen Rentenbezugsdauern und damit auf die Rentenkosten. Die Gesellschaft muss entscheiden, wie sie mit dieser Thematik umgeht. Darüber muss politisch diskutiert werden.
Derzeit steigt das Renteneintrittsalter bis 2031 auf 67 Jahre an. Es ist anzunehmen, dass es in der nächsten Legislaturperiode wieder eine Debatte geben wird, wie es mit dem Renteneintrittsalter nach 2031 weitergehen wird.
