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Habe ich ADHS? Warum eine fundierte Diagnose so wichtig ist

Im Internet gibt es zahlreiche Videos und Tests, die Aufschluss darüber geben sollen, ob man womöglich ADHS hat. Was sie bringen und warum sie eine strukturierte Diagnostik nicht ersetzen können.

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Habe ich ADHS? Warum eine fundierte Diagnose so wichtig ist

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Münster/Bad Dürrheim (dpa/tmn). Verplant, unruhig, impulsiv, unkonzentriert: Habe ich vielleicht ADHS, also eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung? Dieser Gedanke kann schnell aufkommen – vor allem dann, wenn einem in soziale Netzwerken vermehrt entsprechende Inhalte begegnen. Ein Selbsttest kann diesen Eindruck noch verstärken: Plötzlich scheint man eine Erklärung für vieles gefunden zu haben.

Experten raten allerdings zur Vorsicht. „Selbstdiagnosen sind attraktiv, denn sie bieten eine Identität, Zugehörigkeit zu einer Community und vor allem eine Erklärung: ‚Ich bin nicht einfach faul oder chaotisch, mein Gehirn funktioniert anders.‘ Das kann sehr entlastend sein“, sagt Tobias Hornig, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. 

Problematisch werde es aber, wenn daraus ohne fachliche Abklärung Konsequenzen gezogen werden – etwa die Ablehnung anderer möglicher Erklärungen für vermeintliche Symptome oder die Selbstmedikation.

ADHS gilt als neuromentale Entwicklungsstörung, die in der Regel in der Kindheit beginnt. Vererbung spielt nach heutigem Forschungsstand eine wichtige Rolle. Kennzeichnend für die Störung sind drei Hauptsymptome: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität – in unterschiedlicher Ausprägung.

Warum eine strukturierte Diagnose so wichtig ist

Auch ADHS-Selbsttests im Internet können eine Diagnose nicht ersetzen. „Die finde ich teilweise ein wenig kritisch“, sagt Benedikt Bradtke, Oberarzt an der Klinik für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Münster (UKM). In der aktuellen Folge des UKM-Podcasts „Risiko und Nebenwirkung“ erklärt der Fachmann, dass festgestellt worden sei, dass solche Tests teilweise „mehr oder weniger unvollständig“ waren und dem Krankheitsbild nicht gerecht wurden.

Dem Oberarzt zufolge können Selbsttests aber ein Einstieg sein. „Also zunächst einmal wirklich ein Gefühl dafür zu bekommen: Kommen die Symptome mir entgegen? Sind sie Teil meines Lebens? Quasi als Ersteindruck.“ Sie sollten Bradtke zufolge aber nie dafür herhalten, eine finale Diagnose zu stellen.

Nicht zuletzt, weil ADHS-typische Symptome zum Beispiel auch im Zusammenhang mit Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Suchterkrankungen, Schlafmangel oder körperlichen Erkrankungen vorkommen können. „Ohne eine strukturierte Diagnostik besteht das Risiko, Wesentliches zu übersehen“, warnt Hornig, Chefarzt der Median Klinik St. Georg in Bad Dürrheim.

Komplexer Prozess der Diagnose

Eine fundierte ADHS-Diagnose ist ein mehrstufiger Prozess und umfasst in aller Regel mehrere Sitzungen. Sie erfordert eine ausführliche Anamnese und Beurteilung anhand von Leitlinien durch Fachleute – etwa Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie, Ärztliche Psychotherapeuten oder Psychologische Psychotherapeuten.

„Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch über die aktuelle Symptomatik: Wie äußern sich Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Unruhe im Alltag? Seit wann bestehen diese Auffälligkeiten, wie war die Schulzeit, wie verlief das Berufsleben?“, erklärt Facharzt Tobias Hornig.

Daneben spielt die sogenannte Fremdanamnese eine Rolle. Dazu gehören unter anderem Berichte von Eltern, Partnern oder anderen Bezugspersonen sowie Grundschulzeugnisse. Sie können Hinweise darauf geben, ob entsprechende Symptome bereits in der Kindheit bestanden. Fragebögen und Testverfahren ergänzen das Bild, sind aber nie allein entscheidend.

In der Differenzialdiagnostik geht es letztlich darum, systematisch abzugrenzen, ob nicht doch ein anderes Krankheitsbild vorliegt, das ähnliche Symptome verursacht. „Man muss sorgfältig prüfen, ob andere Störungen – etwa Depressionen, Angststörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, Persönlichkeitsstörungen oder körperliche Erkrankungen – die Symptomatik erklären könnten oder zusätzlich vorliegen“, so Hornig. 

Betroffene müssen oft lange Wartezeiten in Kauf nehmen

Problematisch für viele: Die Wartezeiten bis zu einer Diagnose sind oft lang. Es könne Monate bis zu einem Jahr dauern, bis Betroffene diagnostische Unterstützung bekommen, so Bradtke. Er rät dennoch dazu, diese Wartezeit in Kauf zu nehmen und sich bei ADHS-Verdacht professionelle Hilfe zu suchen. 

„Also eine Strategie sollte zumindest nicht sein, auf Social Media entsprechende Tutorials zu buchen für teures Geld, das ist gefährlich“, sagt der Experte im Podcast. Es habe sich gezeigt, dass viele Inhalte auf Social Media zu ADHS medizinisch fehlerhaft seien.
Fachleute empfehlen stattdessen, sich etwa über Bücher oder andere verlässliche Quellen zur Erkrankung zu informieren. Hilfreich sein können etwa Informationsangebote wie das Portal „Adhs.info“ des Zentralen ADHS-Netzes. Auch viele Krankenkassen bieten Informationen zu ADHS im Erwachsenenalter an.


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