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Was Selbsthilfegruppen bewirken können

Denken Sie beim Stichwort Selbsthilfegruppen an Stuhlkreis und schummrigen Räumen? Dabei kann Selbsthilfe tatsächlich etwas bewirken.

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Berlin (dpa/tmn). Am Tiefpunkt ihrer Krankheit hatten die Ärzte Lea Gericke aufgegeben. Austherapiert – so lautete die niederschmetternde Bilanz nach 15 Jahren Magersucht, nach unzähligen Klinikaufenthalten und Therapiestunden. Was folgte, war Einsamkeit. Die Anorexie übernahm die volle Macht und ließ keinen Platz für das Leben.

Heute, Jahre später, hat Lea Gericke es sich zurückerobert. Die 31-Jährige ist immer noch zierlich – aber stabil. Der Grund dafür? „Meine Selbsthilfegruppe“, sagt sie. „Erst durch sie habe ich mich erholt.“ Mindestens 70.000 solcher Gruppen gibt es in Deutschland – viel mehr als die klassischen Stuhlkreise. Etwa die tangotanzenden Parkinsonpatienten oder die Sport- und Theatergruppen.

So unterschiedlich Selbsthilfegruppen sein können, eins haben sie immer gemeinsam: Die Betroffenen bleiben unter sich. Sich nicht erklären zu müssen, unter sich zu sein – das war es, was auch Lea Gericke half. Weil es für Menschen mit Magersucht noch keine Selbsthilfegruppe in Berlin gab, gründete sie mit Hilfe von Sekis, der Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle in Berlin, selbst eine.



Herzlichkeit und persönlicher Austausch

Der Zulauf war so groß, dass daraus das Projekt „Ana Dismissed“ entstand, Titel auch von Gerickes Buch. In ihrer Gruppe treffen sich bei ihr zu Hause regelmäßig neun Menschen mit Essstörung. Herzlich gehe es zu, erzählt die Berlinerin. „Erstmal werden alle gedrückt.“

Die Idee ist nicht neu. Bereits in den 1950er-Jahren bildeten sich Gruppen von Menschen mit Alkoholproblemen, die sich gegenseitig unterstützten. Daraus entstanden die Anonymen Alkoholiker und später viele andere Selbsthilfegruppen.

„Der große Nutzen ist der persönliche Austausch“, sagt Jutta Hundertmark-Mayser, Vize-Geschäftsführerin von Nakos, der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen. Natürlich könne man sich heutzutage im Internet informieren und austauschen. „Aber dort kann einen keiner in den Arm nehmen.“

Klare Regeln in der Gruppe

Neben der heilsamen Nähe gibt es aber auch Risiken. „Gerade magersüchtige Menschen vergleichen sich viel mit anderen“, weiß Gericke. „Es besteht also auch die Gefahr, sich sogar in der Selbsthilfegruppe noch zu dick zu fühlen, weil vielleicht eine andere Person noch dünner ist.“ Außerdem stürze das Leid der anderen völlig ungefiltert und ohne ärztliche Einschätzung auf die Teilnehmer ein.

Gericke führt vor jeder Neuaufnahme daher ein Einzelgespräch. Außerdem gibt es Regeln, an die sich alle Mitglieder halten. „Wir reden beispielsweise nie über Mitglieder, die nicht anwesend sind und führen niemals Kaloriendiskussionen“, sagt die 31-Jährige.

Kontaktstellen beraten und helfen

Aber was, wenn Probleme auftreten? Wenn Gruppenmitglieder sich etwa gegenseitig hochschaukeln und Ängste entstehen anstatt Erleichterung? „Dann können sich die Gruppen an uns wenden“, bietet Ella Wassink von Sekis an. „Unsere geschulten Mitarbeiter kommen dann auch persönlich in die Gruppen und helfen.“

Mehr als 300 Selbsthilfekontaktstellen gibt es in Deutschland. Sie sind nicht nur Ansprechpartner für die Gruppen, sondern helfen auch dabei, eine neue zu gründen. „Hierfür benötigt niemand sein privates Geld“, erklärt Wassink. „Die Krankenkassen fördern gesundheitliche Selbsthilfegruppen.“ Wer auf der Suche nach einer bereits bestehenden Gruppe ist, findet bei Nakos eine deutschlandweite Datenbank.

Weitere Informationen

ana-dismissed.de
Homepage von Ana Dismissed

www.nakos.de
Homepage Nakos

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