Rente / 14.07.2020

Demografischer Wandel: Folgen weniger dramatisch

Studie: Höhere Produktivität, eine stärkere Erwerbsbeteiligung mancher Gruppen und Migration können die Alterung der Bevölkerung ausgleichen.

Bild zum Beitrag "Demografischer Wandel: Folgen weniger dramatisch". Das Bild zeigt eine Gruppe von Menschen in einem Raum.

Rostock (mpi/sth). Mit Blick auf die Alterung der europäischen Bevölkerung mangelt es nicht an düsteren Prognosen – schließlich zeigt der sogenannte "Altenquotient" in den nächsten Jahrzehnten eine bedenkliche Entwicklung: Kommen derzeit etwa in Österreich und Deutschland noch circa drei Menschen im Alter von 20- 64 auf einen über 65-Jährigen, so werden es im Jahr 2060 nur noch 1,5 sein. Für die Rentenkassen und die Gesundheitssysteme könnte das eine starke Belastung bedeuten, so die Befürchtung. Doch der Altenquotient allein sei für die wirtschaftliche Entwicklung und die Sozialsysteme nicht entscheidend, schreiben Guillaume Marois, Alain Bélanger und Wolfgang Lutz vom Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital in Wien in einer aktuellen Studie im renommierten Journal PNAS.

Anstatt nur auf das Alter der Bevölkerung zu schauen, müsse vielmehr die Arbeitsleistung der einzelnen Menschen in den Vordergrund rücken, heißt es im aktuellen Newsletter "Demografische Forschung" des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels, des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, des Vienna Institute of Demography / Austrian Academy of Sciences und des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital. Wie groß die Unterschiede hier ausfallen können, zeige ein Blick auf verschiedene europäische Länder, heißt es in dem Newsletter.

Arbeitsbeteiligung in Schweden deutlich höher als in Italien

So arbeiteten in Italien vergleichsweise wenige Frauen und ältere Menschen, schreiben die Wissenschafler. Dagegen sei die "Bevölkerungspyramide nach Arbeitsmarktbeteiligung in Schweden bereits viel breiter aufgestellt". Anstatt nur den Anteil von Älteren im Vergleich zu Jüngeren zu betrachten, sei es "sinnvoller zu schauen, wie sich der Arbeitskraftquotient (labor-force dependency ratio, LFDR) entwickelt: Dieser Quotient setzt alle wirtschaftlich inaktiven Personen ins Verhältnis zu allen wirtschaftlich aktiven – ganz gleich, wie alt diese sind.

Darüber hinaus führen die Autoren der Studie einen weiteren Indikator ein, der auch die durch das Einkommen geschätzte unterschiedliche Produktivität der Bildungsgruppen berücksichtigt: den produktivitätsabhängigen Arbeitskraftquotienten (productivity-weighted labor-force dependency ratio, PWLFDR). Gemessen an den Einkommensdaten zwischen 2004 bis 2017 "verdienten gut Gebildete in der EU knapp 1,7 mal so viel wie die mittlere Bildungsgruppe – und zahlten demnach auch mehr Steuern und höhere Beiträge für die Sozialversicherung", heißt es in der Studie. Gering Gebildete dagegen verdienten im Schnitt 34 Prozent weniger als Menschen mit mittlerem Bildungsniveau. "Je nachdem wie groß die drei Bildungsgruppen in der Bevölkerung sind und wie sich ihre Anteile in Zukunft verschieben werden, kommen diese Faktoren in dem neu eingeführten Quotienten zum Tragen", so die Forscher.

Mehr zum Thema:

www.demografische-forschung.org

Newsletter "Demografische Forschung" des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels, des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, des Vienna Institute of Demography / Austrian Academy of Sciences und des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (pdf)