Rente / 15.11.2021

Sozialforscher fordern Erwerbstätigenversicherung

Obwohl die Unterschiede zwischen Beamtenversorgung und gesetzlicher Rente vor allem systembedingt sind, sehen IAQ-Forscher Handlungsbedarf.

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Bad Homburg (sth). Schon seit Jahrzehnten ist es besonders in Boulevardmedien ein beliebtes „Aufreger“-Thema. Und auf den ersten Blick scheinen die gravierenden Größenunterschiede zwischen gesetzlichen Renten und Beamtenpensionen auch kaum nachvollziehbar: 3.590 Euro (Männer) und 2.970 Euro (Frauen) bezogen die Staatsdiener und -dienerinnen der Bundesländer 2020 durchschnittlich im Monat (brutto). Dagegen kamen gesetzlich rentenversicherte Beschäftigte selbst bei einer besonders langjährigen Versicherungszeit von 45 Beitragsjahren im Schnitt nur auf eine monatliche Rente von 1.637 Euro (Männer) bzw. 1.210 Euro (Frauen). Das zeigt eine aktuelle Gegenüberstellung von Sozialforschern am Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Das Fazit der Wissenschaftler: Angesichts der demografischen Entwicklung, die alle Alterssicherungssysteme betreffe, stelle sich die Frage, „ob diese Unterschiede noch länger vertretbar sind“.

Der aus Sicht der IAQ-Forscher überzeugendste Weg zur Überwindung der derzeitigen Situation: eine Erwerbstätigenversicherung, die auch Selbstständige und Beamte einschließt. Das Konzept einer Erwerbstätigenversicherung liege „schon lange auf dem Tisch“, so die Ruhrgebiets-Wissenschaftler. Es sei jetzt an der „Zeit, sie in der neuen Legislaturperiode umzusetzen“. Die Studienautoren stellen in ihrer Analyse jedoch klar, dass eine Einbeziehung von Beamtinnen und Beamten in die Rentenversicherung aufgrund des grundgesetzlichen Eigentumsschutzes erworbener Pensionsansprüche „erst in längerer Frist realisiert werden kann“. Es gehe deshalb vor allem darum, neu in ein Beamtenverhältnis übernommene Beschäftigte oder solche, die erst seit kurzer Zeit verbeamtet sind, „in die Rentenversicherung zu übernehmen“.

Zunächst Mehreinnahmen – später höhere Ausgaben

Für die Rentenversicherung ergäben sich bei einem solchen Systemwechsel aufgrund der zusätzlichen Beitragszahler und -zahlerinnen „auf mittlere Sicht Mehreinnahmen“, so die IAQ-Forscher. Das demografisch bedingte Finanzierungsproblem der Rentenversicherung würde wegen der bald deutlich steigenden Zahl von Rentenbeziehern bei einer gleichzeitig – vermutlich – rückläufigen Zahl von Beitragszahlern „durch eine Erwerbstätigenversicherung jedoch nicht gelöst“. Denn den anfänglichen Mehreinnahmen stünden „in späteren Jahren entsprechende Mehrausgaben“ der Rentenversicherung gegenüber, heißt es in der Analyse. Zudem müssten, um die jungen Beamtinnen und Beamten gegenüber den heutigen Staatsdienern nicht zu benachteiligen, deren Bruttogehälter erhöht und eine ergänzende Zusatzversorgung – ähnlich wie für Angestellte im öffentlichen Dienst – aufgebaut werden.

Gesetzliche Renten und Beamtenpensionen unterscheiden sich vor allem wegen der unterschiedlichen Sicherungsfunktion beider Systeme und der überdurchschnittlich hohen Berufsqualifikation der meisten Beamten voneinander. Während Beamtenpensionen sowohl Regelsicherung als auch (betriebliche) Zusatzversorgung sein sollen – das heißt „erste und zweite Säule“ der Alterssicherung –, sind gesetzliche Renten nur die „erste Säule“ und folgen dem „Äquivalenzprinzip“. Dies bedeutet, dass die Höhe der späteren Rente dem Verdienst während des Erwerbslebens und der Höhe der vom Einzelnen gezahlten Rentenbeiträge folgt. „Im Ergebnis dieser Komponenten kommt es zu Ruhegehältern in der Beamtenversorgung, die die Versichertenrenten der gesetzlichen Rentenversicherung merklich übersteigen“, heißt es in der IAQ-Studie.

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Autor

Stefan Thissen