Berlin (diw/sth). Rund 230.000 Beschäftigte im Rentenalter würden direkt von der geplanten Aktivrente der neuen Bundesregierung profitieren – vor allem solche mit hohen Einkommen. Zwar könnte dies zunächst jährliche Steuerausfälle von etwa 800 Millionen Euro verursachen. Sollten jedoch 75.000 zusätzliche Rentnerinnen und Rentner in den Arbeitsmarkt eintreten, würden die von ihnen gezahlten zusätzlichen Steuer- und Beitragseinnahmen die Verluste ausgleichen. Das sind die zentralen Ergebnisse einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.
Mit der geplanten Aktivrente sollen Rentnerinnen und Rentner künftig bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei zur Rente oder sonstigen Einkünften hinzuverdienen dürfen. Ziel dieser Maßnahme ist es, den Verbleib älterer Menschen im Erwerbsleben attraktiver zu machen und somit dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. „Gleichzeitig wird der vorzeitige Erwerbsaustritt weiterhin gefördert, so etwa durch die vorgezogene abschlagsfreie Altersrente nach 45 Beitragsjahren oder durch steuer- und abgabenfreie Aufstockungen bei der Altersteilzeit. Das passt nicht zu den Zielen der Aktivrente“, kritisiert Stefan Bach, Leiter der Studie.
“Aktivrente entlastet vor allem Besserverdienende”
Nach Daten des des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) waren im Jahr 2022 rund 313. 000 Menschen ab 66 Jahren sozialversicherungspflichtig beschäftigt – allerdings meist in Teilzeit. Hinzu kommen der DIW-Studie zufolge etwa 645.000 Minijobbende und 272.000 Selbstständige. Besonders häufig seien sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Rentenalter in der obersten Einkommensgruppe vertreten gewesen, stellten die Forschenden fest. “Da geringfügig Beschäftigte nicht von der Steuervergünstigung profitieren, entlastet die Aktivrente vor allem Besserverdienende”, heißt es in der Studie.
Bleibt das Erwerbsverhalten konstant, führt die Reform zu Mindereinnahmen von rund 770 Millionen Euro jährlich. Erst bei einem Zuwachs von 75.000 erwerbstätigen Rentnerinnen und Rentner könnte durch zusätzliche Einnahmen von Sozialbeiträgen sowie Unternehmens- und indirekten Steuern ein kleiner Überschuss für den Staat von gut 500 Millionen Euro entstehen. Ein stärkerer Beschäftigungsanstieg auf 150.000 Personen könnte sogar zu jährlichen Mehreinnahmen von bis zu 1,8 Milliarden Euro führen. Ob diese Effekte eintreten, bleibt jedoch unsicher. „Das lässt sich nicht genau schätzen, da es bisher kaum Beschäftigte in dem Alter gab“, erklärt Studienautor Peter Haan, Leiter der Abteilung Staat im DIW. „Daher muss man plausible Annahmen treffen und Szenarien rechnen.“
Verteilungspolitisch fragwürdig
Die Aktivrente werfe auch verteilungspolitische Fragen auf, monieren die Wissenschaftler. Wer aus gesundheitlichen Gründen oder wegen familiärer Verpflichtungen nicht weiterarbeiten könne, bleibe bei der Neuregelung außen vor. Profitieren dürften vor allem gut qualifizierte Rentnerinnen und Rentner mit hohen Einkommen, vermuten die DIW-Forschenden. „Das birgt sozialen Sprengstoff – vor allem, wenn ältere Beschäftigte steuerlich stark begünstigt werden, während jüngere Erwerbstätige weiterhin voll belastet bleiben", so Steuerexperte Stefan Bach.
Ferner könne man die Aktivrente aus rechtlichen und faktischen Gleichbehandlungsgründen nicht den Selbstständigen vorenthalten, gibt Bach zu bedenken. „Das erhöht dann aber die Mitnahmeeffekte, da Selbstständige häufiger bis ins hohe Alter weiterarbeiten.“ Und man würde dann auch passive Unternehmenseinkünfte von Personengesellschaftern begünstigen – also Kapitalerträge, obwohl die Anlegenden selbst gar nicht in der Firma arbeiten. „Das zu unterbinden, wird leicht zum Bürokratiemonster“, befürchtet Bach.
Rund 1,5 Millionen Rentnerinnen und Rentner arbeiten noch, nachdem sie die Regelaltersgrenze überschritten haben. Die meisten haben einen Minijob, rund 400.000 zahlen in die Sozialversicherung ein. Der Job im Alter hat Folgen – für Steuern, Krankenversicherung und die Rente selbst.
