Leipzig (dpa/tmn). „Na, wie läuft die Chemo?“ – so salopp sprechen wohl die wenigsten Menschen Krebspatientinnen und -patienten in ihrem Umfeld an.
Schon vor dem ersten Satz dreht sich oft das Gedankenkarussell: Darf ich meine Nachbarin oder den Kollegen überhaupt auf die Erkrankung ansprechen? Ist ein „Wie geht's dir“ nicht zu banal? Oder lieber schweigen – die Person beschäftigt sich doch ohnehin genug mit ihrer Diagnose, oder?
Prof. Anja Mehnert-Theuerkauf von der Deutschen Krebsgesellschaft verrät im Interview, wie man gegenüber Krebserkrankten die richtigen Worte findet – und wie man damit umgeht, wenn im Gespräch die Tränen fließen.
Und: Viele von uns sind in solchen Gesprächen einfach nicht geübt. Dass eine Person im Umfeld eine Krebsdiagnose bekommen hat, ist oft neu.
Oft kann man daran ablesen, ob er oder sie darüber sprechen mag. Sagt jemand so gar nichts über die Krankheit, kann das ein Zeichen sein, dass er oder sie wirklich nicht drüber reden mag.
Wenn jemand aber fallen lässt „Ich war im Krankenhaus“, dann kann man das im Gespräch aufgreifen und schauen, wie derjenige reagiert. Etwa indem man sagt: „Ja, ich habe davon gehört, war mir aber nicht sicher, ob ich Sie darauf ansprechen soll“.
Über das Thema zu sprechen, kann am Anfang schwer sein, entlastet mittelfristig aber sowohl die Betroffenen als auch die Angehörigen und Freunde.
Und natürlich gibt es oft dringende Anliegen, die besprochen werden müssen: die Patientenverfügung, wer bestimmte Aufgaben übernimmt, ob Medikamente regelmäßig genommen werden.
Frage: Gibt es Situationen, die sich besser oder schlechter eignen, um das Thema Krebs anzusprechen?
Mehnert-Theuerkauf: Wenn man die betroffene Person nicht so gut kennt, sollte man darauf achten, ob Menschen im Raum sind, die mithören könnten. Wenn ja, sollte man ein Gespräch über Krebs besser lassen oder warten, bis man ungestört ist.
So was kann zum Beispiel auf der Arbeit passieren. Man bringt den anderen damit möglicherweise in Not, weil er oder sie dann gezwungen ist, etwas zu dem Thema zu sagen – ohne das zu wollen.
Meine Beobachtung ist, dass es sich beim Spazieren leichter redet. Denn: Man muss sich nicht die ganze Zeit anschauen, hält Pausen besser aus und kann danach noch etwas Schönes unternehmen – etwa auf einen Kaffee einkehren. Das ist für so ein Gespräch einfach angenehmer, als wenn man sich gegenübersitzt und sich am Tisch festhält.
Ein Weg kann auch immer Ehrlichkeit sein, dass man sagt: „Ich bin mir gar nicht sicher, ob du über deine Krebserkrankung sprechen magst. Aber ich möchte dich trotzdem fragen, wie es dir geht.“ Ratsam sind auch offene Fragen wie zum Beispiel „Wie geht es dir heute?“ oder „Was brauchst du momentan?“
Die Freunde haben sich – ordentlich wie sie waren – daran gehalten. Das hat die Patientin dann aber auch gestört. Dieses Beispiel zeigt: Auch die Betroffenen wissen nicht immer genau, was sie brauchen oder wollen. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht.
Und Sätze wie „Kopf hoch“ oder „Das wird schon wieder“ kommen bei Betroffenen oft nicht gut an – so gut sie auch gemeint sind.
Denn diese Sätze können im Unterton „Lass mich bloß damit in Ruhe“ signalisieren. Dieses Beschwichtigen führt oft dazu, dass das Gespräch über Krebs zum Erliegen kommt.
Ein weiterer Fehler ist, zu schnell mit Ratschlägen zu kommen. Viele Betroffene berichten, dass es einfach nervt, wenn sich die ganze Welt auf einmal als Experte für ihre Erkrankung sieht. Wichtig in solchen Gesprächen ist, dass man zuhört. Die meisten sagen schon etwas, wenn sie etwas brauchen.
Denn das Weinen ist etwas Gutes, die Wut auch. Beides hilft der betroffenen Person dabei, die Situation zu verarbeiten. Wenn man geweint hat, fühlt man sich danach oft etwas besser. Emotionen sind in so einer Situation normal – eine Krankheit ist eine Krise, die auch eine Krise sein darf.
Zur Person: Prof. Anja Mehnert-Theuerkauf ist Psychologische Psychotherapeutin. Sie leitet die Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universitätsmedizin Leipzig. Außerdem ist sie Vorstandsmitglied der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG).
