Altersvorsorge mit Aktien: So tappen Sie nicht in die Fehler-Falle
Warum die Liebe zur Heimat gefährlich werden kann
Geldexperten empfehlen privaten Anlegerinnen und Anlegern immer wieder, ihr Geld gerade auch für die zusätzliche Altersvorsorge in weltweit anlegende Fonds und ETFs zu investieren, um das Risiko breit zu streuen. Viele Bankkunden kaufen aber mit Vorliebe das, was sie am besten zu kennen glauben. Anlegende stecken dann einen großen Teil ihres Vermögens in ihren Heimatmarkt, so auch in Deutschland, wo Bankkunden und Kundinnen überproportional viele Einzelaktien bekannter deutscher Unternehmen in ihrem Wertpapierdepot haben. Zum Vergleich: Aktien aus Deutschland hatten im Weltindex MSCI World im Frühjahr 2024 einen Anteil von etwas mehr als zwei Prozent.
Fachleute sprechen vom sogenannten „home bias“. Diese „Vorliebe für die Heimat“ hängt auch damit zusammen, dass die Käuferinnen und Käufer deutscher Wertpapiere glauben, sie hätten hierzulande einen Informationsvorsprung, könnten deshalb besser beurteilen, wie es in bestimmten Branchen läuft und es dort tätigen Unternehmen geht. Einen solchen Informationsvorsprung gibt es aber nicht, weil alle Informationen, zumindest diejenigen, die legal erhältlich sind und weitergegeben werden, für alle Anleger frei verfügbar sind. Hinzu kommt: Gerade die Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax), der die Kursentwicklung von Deutschlands 40 wichtigsten Börsenwerten widerspiegelt, sind stark vom Export und damit davon abhängig, dass die Konjunktur weltweit gut läuft. Der beste Patriotismus nützt nichts, wenn etwa in China die Nachfrage nach deutschen Autos drastisch sinkt.
Die Liebe zur Heimat wird deshalb in diesem Fall gefährlich: Wer vor allem oder nur auf deutsche Werte setzt, hat ein Klumpenrisiko und macht sich von der Entwicklung der Unternehmen hierzulande zu sehr abhängig. Anlageexperten raten deshalb, heimische Einzelwerte, wenn überhaupt, nur als Beimischung ins Depot aufzunehmen und darauf zu achten, die Titel und Fonds breit über verschiedene Branchen und Länder zu streuen.
Tipp: Immer wieder kaufen Anleger Exchange Traded Funds (ETFs), die die Kursentwicklung des Dax nachbilden. Doch Vorsicht: Damit geben Sie womöglich einem speziellen Index ein zu großes Gewicht in Ihrem Portfolio. Das Börsenbarometer spiegelt trotz seiner Erweiterung von 30 auf 40 Werten immer noch viel zu sehr die „old economy“ wider, also vor allem Titel aus der deutschen Automobil- und Industriebranche, die als sehr konjunkturabhängig gelten. Außerdem zeigen langfristige Vergleiche: Wer in ETFs investieren, die auf Welt-Indizes setzen, kann sich langfristig über eine bessere Wertentwicklung freuen wie mit Dax-ETFs. Daran ändert auch nichts, dass der Dax Anfang Dezember 2024 erstmals die Marke von 20.000 Punkten überschritten hat.
Wie selektive Wahrnehmung zur Falle wird
Menschen erinnern sich lieber an ihre Erfolge als an ihre Niederlagen. So geht es auch Anlegern. Wer denkt schon gerne an sein Desaster mit der Telekom-Aktie oder daran, es verpasst zu haben, Aktienfonds zu kaufen, als die Kurse noch viel niedriger waren? Wir neigen dazu, auszublenden, was nicht in unser Weltbild passt. Je mehr Anlegende aber von sich selbst überzeugt sind, desto mehr stellt das Scheitern eine Gefahr für ihr Selbstbild dar. Das kann dazu führen, dass sie Informationen selektiv verarbeiten. Sie nehmen das auf, was sie in ihrer Meinung stützt, und blenden das aus, was ihrer Auffassung widersprechen könnte.
In diese Falle der teils unbewussten Form der Informationsbeschaffung und deren Verarbeitung tappen Anlegende vor allem dann, wenn sie mit ihren Investitionen danebengegriffen haben. Sie suchen dann regelrecht nach Informationen, die ihre Annahmen und Anlagestrategien bestätigen. Aus dieser Falle können sie nur herauskommen, wenn sie sich quasi selbst beobachten, ihr Verhalten daraufhin überprüfen und zum Beispiel bewusst „bad news“ lesen und wahrnehmen, wenn die „good news“ über die Börse dominieren und umgekehrt.
Warum Sie bei heißen Aktientipps cool bleiben sollten
Als zur Jahrtausendwende der Neue Markt boomte, machten Aktientipps überall die Runde. Doch viele Internetbuden, mit deren Aktien Millionen Bundesbürger spekulierten, gingen später schnell pleite. An der Flut von Aktientipps hat sich nicht viel geändert, nur dass sie nun vor allem über die sozialen Netzwerke, Whatsapp-Gruppen oder bestimmte Finanzportale weitergereicht werden. Gerne aufgenommen werden auch Tipps von vermeintlichen Börsenexperten, die den Anschein erwecken, sie hätten die alleinseligmachende Formel erfunden, um reich zu werden. Nicht wenige Anleger folgen ihnen – wie einst unsere Vorfahren als Jäger und Sammler dem Alphatier. Experten sprechen hier vom Herdentrieb. Anleger sollten sich aber stets fragen, warum empfiehlt mir jemand etwas, welches Eigeninteresse könnte dahinterstecken?
Tipp: Wenn Sie den Kick trotzdem brauchen und auf heiße Tipps und Einzelaktien setzen, lohnt es sich, ehrlich Bilanz zu ziehen und zumindest ein Anlage-Tagebuch zu führen, in dem Kauf, Verkauf, Kosten und Ergebnis festgehalten sind. Dann werden Sie womöglich feststellen, dass das mehr oder weniger willkürliche Herauspicken von Aktien für Ihr Depot womöglich ein Renditekiller erster Güte ist. Ist das nicht der Fall? Dann haben Sie bislang ein wirklich gutes Händchen mit Ihrem Geld gehabt oder einfach eine Börsenphase erwischt, in der es kontinuierlich nach oben ging und Sie mit Ihren Aktien quasi mitgeschwommen sind.
Vermeintliche Börsenwahrheiten können Sie vergessen
Klar ist es einfach, regelmäßig in ETFs zu investieren, die weltweit anlegen, so wie dies immer wieder empfohlen wird. Aber hüten Sie sich vor einfachen Wahrheiten. Das Geschehen an der Börse ist hochkomplex. Daran ändert sich auch nichts, wenn irgendwelche selbsternannte Experten versuchen, die Komplexität mit einfachen Börsenweisheiten zu reduzieren. Beispiel: „Sell in May and go away, but remember to come back in September.“ (Verkaufe im Mai, aber vergiss nicht, im September wieder zu kaufen).
Das beruht auf der Erkenntnis, dass die Kapitalmärke im Winter meist besser laufen. Nur: Solche Sprüche sind viel zu unpräzise, um ein guter Ratgeber zu sein. Wann genau soll man verkaufen und wieder einsteigen? Ist nicht längst bewiesen, dass das ständige Ein- und Aussteigen am Markt keine gute Anlagestrategie ist? Und wenn wirklich eine gute Regel existieren würde, warum halten sich dann nicht alle daran und sind schon reich damit geworden?
Weshalb zu viel Aktivität schaden kann
Täglich gibt es weltweit Zehntausende neuer Nachrichten. Wer sich damit befasst, läuft Gefahr, ständig darauf zu reagieren, neue Anlageentscheidungen zu treffen und von den eigenen Zielen abzuweichen, die man vorher festlegen sollte. Besser ist es, sich ein bekanntes Börsen-Sprichwort in Erinnerung zu rufen. „Hin und her macht Taschen leer“, heißt: Wer ständig kauft und verkauft, häuft eher Verluste statt Gewinne an. Deshalb raten Fachleute: lieber ruhig bleiben, an der eigenen Strategie festhalten und ab und zu mal ins Depot schauen und prüfen, ob Korrekturen fällig sind.
Wie Anleger sich selbst überschätzen können
Viele Autofahrer sind überzeugt, dass sie gut und sicher lenken - jedenfalls besser als derjenige, den sie gerade überholen. Diesen Hang zur Selbstüberschätzung gibt es auch beim Geld anlegen. Wer als Privatanleger glaubt, die Zukunftsaussichten von Unternehmen wie Tesla, Biontech oder VW treffsicher einschätzen zu können und schlauer als Profis am Markt zu sein, unterliegt allerdings einem Trugschluss und neigt zu weiteren riskanten Anlageentscheidungen.
Vor allem in Phasen mit steigenden Aktienkursen schreiben Anleger Gewinne ihrem Können zu. Läuft es schlecht, war hingegen Pech im Spiel, oder man kann sagen, die anderen haben ja auch Verluste gemacht. Vor allem jüngere Anlegerinnen und Anleger kennen – von der sehr kurzen Corona-Krise an den Börsen abgesehen – nur steigende Kurse an den Aktienmärkten. Das wirkt verführerisch. Motto: Was dreimal geklappt hat, funktioniert auch beim vierten Mal. Fachleute sprechen von der „Kontrollillusion“, wenn Anleger glauben, sie seien der „Master oft the Universe“. Nur: Das ist tatsächlich eine Illusion.
Wie Anker im Gehirn die Sinne vernebeln können
Das Gehirn stützt sich gerne auf Anker, auf Bezugspunkte. Das gilt auch für Anleger. Sie orientieren sich an dem Preis, den sie beim Einstieg bezahlt haben. An der Börse kann dies fatale Folgen haben, nicht nur bei Investments, die sich als falsch herausgestellt haben und an denen trotzdem festgehalten wird. Auch Gewinne werden zu oft realisiert – aus Angst, einmal erzielte Gewinne nicht in bare Münze umgesetzt zu haben. Oder aber es werden zum Beispiel Fonds mit Gewinn losgeschlagen, um Verlustbringer nicht verkaufen zu müssen oder die Verluste rechnerisch auszugleichen. Doch dass nimmt meist kein gutes Ende: Das Risiko im Depot wird dadurch schlechter verteilt, das Gewicht der Investmentruinen noch größer.
Tipp: Schreiben Sie auf, warum Sie in welche Papiere wann investiert haben. Und schauen Sie zum Beispiel ein Jahr später einmal auf Ihren Merkzettel. So lernen Sie am besten, was Sie falsch oder richtig gemacht haben. Und betrachten Sie Ihre Verluste niemals isoliert, sondern schauen Sie auf die Gesamtbilanz. Dann sieht das Ganze womöglich schon viel besser aus und Sie müssen sich nicht über einen Wert ärgern, bei dem Sie mit Ihrer Entscheidung falsch lagen.
Warum der falsche Umgang mit Verlusten teuer wird
Der Schmerz über einen Verlust ist größer als die Freude über einen spiegelbildlichen Gewinn, sagen Börsenkenner, die sich mit dem menschlichen Faktor bei Anlageentscheidungen befassen. Deshalb werden Verluste gerne verdrängt, zumal Menschen lieber ausblenden, was nicht in ihr Weltbild passt, was an ihrem Selbstbild rüttelt. Gewinne hingegen bleiben eher im Gedächtnis haften. Die Folgen können fatal sein:
- Gerade wegen Verlusten werden Informationen selektiv verarbeitet. Die Anleger sagen sich dann: Das wird schon wieder, halten eisern an quasi wertlosen gewordenen Papieren fest, obwohl die Prämissen für ihren Einstieg längst überholt sind. Dies fällt ihnen leichter, als sich einzugestehen, dass sie tatsächlich Geld verloren haben. So verlieren sie allerdings die Kontrolle über ihre Kursverluste. Sie haben jahrelang oder jahrzehntelang Investmentruinen im Depot – wie damals nach der Jahrtausendwende, als die New-Economy-Blase platzte.
- Vorübergehende Aufwärtsbewegungen an der Börse werden als Korrektur eingeschätzt, um die eigene Verluststrategie nicht in Frage zu stellen. Die Folge: Anleger kaufen in die Abwärtsbewegung hinein, in das fallende Messer, wie es an der Börse heißt, und erhöhen dadurch ihre Verluste noch. Experten sprechen von der „Bullenfalle“.
- Geht es generell an den Börsen abwärts, neigen Anleger zu Panikreaktionen, weil sie die Verluste stärker wahrnehmen als ihre Gewinne. Sie steigen aus, um ihre Verluste zu begrenzen, bedenken aber nicht, dass Börsenkurse langfristig immer wieder gestiegen sind und versäumen dann, rechtzeitig wieder einzusteigen. Das führt schlimmstenfalls dazu, dass Anleger am Tiefpunkt verkaufen und bei Rekordständen an der Börse zuschlagen. Angst, sagen Experten, ist ein sehr schlechter Ratgeber und damit ein Auslöser zum falschen Zeitpunkt in einen unüberlegten Aktivismus zu verfallen.
Tipp: Haben Sie einen Verlustbringer im Depot, der Ihnen auf dem Papier drastische Einbußen eingebracht hat, sollten Sie das Geschäftsmodell des Unternehmens überprüfen und sich die Frage stellen: Würde ich die Aktie jetzt wieder kaufen? Bedenken Sie, dass es gerade bei ehemaligen Highflyern nicht zu einer Gegenbewegung kommen muss, wenn die Marktteilnehmer sich erst einmal von dem Titel abgewandt haben.
Im Gegenteil, nur weil eine Aktie schon weit gefallen ist, heißt es nicht, dass sie nicht noch weiter fallen kann. Und bedenken Sie auch: Sinkt eine Aktie um zehn Prozent, muss sie um gut elf Prozent zulegen, um auf ihr Ausgangsniveau zu gelangen. Bei einem Minus von 50 Prozent ist dafür schon ein Plus von 100 Prozent nötig, und bei 75 Prozent bereits 300 Prozent! Sind Sie davon überzeugt, dass sich die Aktie nicht mehr erholt, sollten Sie diese besser verkaufen. Vorteil: Sie haben freies Kapital für eine Anlage, von der Sie sich mehr erhoffen.
Wie sich die eigene Trägheit überwinden lässt
Am Ende stellt sich die Frage: Können Anleger aus ihren Fehlern lernen? Das ist nicht immer leicht, auch weil wir uns immer wieder schwer damit tun, den eigenen inneren Schweinehund zu überwinden und einen gewissen Hang zur Trägheit haben, der uns daran hindert, unser Anlageverhalten zu hinterfragen. Das einfachste Rezept dagegen: sich mit einem oder mehreren Sparplänen selbst zu binden und so regelmäßig und langfristig Geld in ausgewählte Fonds zu investieren.
Die Dauer- beziehungsweise Sparaufträge können Sie dabei am besten so terminieren, dass das Geld abgebucht wird, wenn gerade das Gehalt, die Rente oder die Pension aufs Konto überwiesen wurde. Denn unser Gehirn nimmt jeden Sparvorgang als Verlust wahr. Geht aber das Geld vom Konto ab, wenn das gerade gefüllt ist, spüren wir das gar nicht mehr so. Und was weg ist, können wir nicht mehr ausgeben. Dabei helfen können übrigens als Kontrollinstanz sehr gute Freunde, der Partner, die Partnerin oder ein Berater, dem es nicht um seine Provisionen geht. Jemand, der die Rolle des Advocatus Diaboli übernimmt, kann helfen, nicht wieder und wieder in eine der Fehlerfallen zu tappen.
Sich belohnen kann helfen
Wer es schafft, einen eigenen Sparplan aufzustellen und die Sparbeiträge schrittweise zu erhöhen, kann sich auch belohnen. Durch die Belohnung wird etwas, dessen Erfolg in der Zukunft liegt, heute schon attraktiv – und Sie haben einen Verbündeten, der Ihnen auf die Füße tritt, wenn es nichts zu belohnen gibt. Sie können sich – zum Beispiel mit einer Ausschüttung aus einem Fonds – einmal im Jahr etwas Besonderes leisten, auf das Sie sich schon vorher freuen können.
