Berufsständische Versorgungswerke: Wie sicher ist Ihr Geld?
Was sind überhaupt Versorgungswerke, und wer muss einzahlen?
Der Name ist Programm: Wie die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) sollen auch Versorgungswerke für eine Altersversorgung sorgen. Versorgungswerke gibt es deshalb ebenfalls schon seit mehr als 100 Jahren – aber mit zwei großen Unterschieden.
- In ein Versorgungswerk kann nicht jeder und jede einzahlen, sondern nur Angehörige der freien Berufe. Dazu zählen Ärzte und Zahnärztinnen, Rechtsanwälte, Apotheker, Architektinnen oder Steuerberater. Sie zahlen ihre monatlichen Beiträge in der Regel nicht in die Rentenversicherung ein, sondern in das für sie geschaffene berufsständische Versorgungswerk. Dort wird das Geld angelegt und bestenfalls gut verzinst. Im Ruhestand wird dann aus dem erwirtschafteten Kapital eine Rente bezahlt.
- Die GRV ist umlagefinanziert. Das bedeutet, dass diejenigen, die jetzt Beiträge zahlen, die Renten finanzieren, die jetzt ausgezahlt werden. Anders bei Versorgungswerken: Sie sind kapitalfinanziert. Beiträge werden also nicht sofort wieder ausgegeben, sondern für die Auszahlung im Ruhestand zurückgelegt.
Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft berufständischer Versorgungseinrichtungen gibt es in Deutschland 91 Versorgungswerke mit mehr als einer Million Mitgliedern (Stand: 2023). Das Versorgungswerk ist für sie die erste Säule der Altersversorgung, sie sind also in der Regel verpflichtet, dort einzuzahlen, so wie sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und ihre Arbeitgeber in die Rentenversicherung einzahlen müssen.
Wieso haben sich einige Versorgungswerke verspekuliert?
Fachleute gehen davon aus, dass viele der Versorgungswerke „einen ordentlichen Job“ machen, also das Geld ihrer Mitglieder vernünftig anlegen und damit ordentliche Renditen erwirtschaften. In der Niedrigzinsphase, vor allem von Mitte der 2010er-Jahre bis in den Sommer 2022, war für die Versorgungswerke allerdings der Ankauf von sicheren Staatsanleihen wie den deutschen Bundeswertpapieren nicht mehr so attraktiv. Also mussten sie nach alternativen, potentiell ertragreicheren Anlagen Ausschau halten, wie Immobilien, Investments in Infrastrukturanlagen oder Unternehmensbeteiligungen. Möglich war und ist dies, weil Versorgungswerke – anders als Lebensversicherer – einen größeren Anteil der Beiträge ihrer Kundinnen und Kunden in riskantere, illiquide Anlagen stecken dürfen. Allerdings gibt es laut den jüngsten Medienberichten einige wenige Versorgungswerke, die sich dabei schlichtweg verspekuliert haben und bei denen offensichtlich das Fachwissen für eine solide und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geführte Vermögensverwaltung fehlt.
Bei welchen Versorgungswerken gibt es Probleme?
Der bekannteste und mit Abstand spektakulärste Fall ist das Versorgungswerk der Berliner Zahnärzte (VZB). Das VZB soll durch Fehlspekulationen etwa die Hälfte seines verwalteten Vermögens verloren haben. Es geht dabei offenbar um mehr als eine Milliarde Euro. Zum Verhängnis wurde dem Versorgungswerk, dass der überwiegende Anteil des angehäuften Kapitals in nichtbörsennotierte Anlagen investiert wurde. Dazu zählen unter anderem der Mehrheitsanteil an einem mittlerweile insolventen Versicherungs-Start-Up und an einem auf Immobilien spezialisierten Crowdinvesting-Unternehmen, das ebenfalls insolvent ist. Hinzu kommen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, Investitionen in ein Luxus-Hotelresort auf Ibiza, amerikanische Start-ups und sogar in eine norddeutsche Garnelenzucht. Die Fehlinvestitionen dürften sich für die betroffenen 10.000 Zahnärztinnen und Zahnärzte in Berlin, Brandenburg und Bremen fatal auswirken: Von Rentenkürzungen in Höhe von 20 bis 30 Prozent ist die Rede, wobei die Mitgliedschaft in dem Versorgungswerk obligatorisch ist. 2025 waren laut FAZ 19 Prozent des Bruttogehalts in das VZB abzuführen, bis zu 1529,50 Euro im Monat.
In die Schlagzeilen geraten ist auch die Bayerische Versorgungskammer (BVK), die größte öffentlich-rechtliche Versorgungsgruppe in Deutschland, die als Dachorganisation die Geschäfte diverser Versorgungswerke führt, wie etwa die Bayerische Ärzteversorgung. Die BVK verwaltet rund 122 Milliarden Euro, darunter sind auch betriebliche Einrichtungen für Beschäftigte des öffentliches Dienstes und von kirchlich-karitativen Diensten. Die Bayerische Versorgungskammer steht in der Kritik, weil sie in den Vereinigten Staaten 1,6 Milliarden Euro in spekulative Immobiliengeschäfte investiert hat. Nun sind 690 Millionen ausfallgefährdet und womöglich für die Versicherten verloren. Trotz der Probleme mit dem US-Investment habe man aber 2024 eine Nettoverzinsung von 3,4 Prozent erreicht und rechne auch 2025 mit einer Verzinsung, die „die erforderlichen Zinsanforderungen“ übertreffen werde, teilte ein Sprecher der BVK der SZ mit.
Welche Versorgungswerke stehen außerdem in der Kritik?
Fehlinvestitionen mit Millionenverlusten, die in der Bilanz abgeschrieben werden mussten, gab es nach verschiedenen Medienberichten unter anderem auch bei folgenden Versorgungswerken:
- Versorgungswerk der Ärztekammer Schleswig-Holstein
- Ärztekammer Hessen
- Apothekerversorgung in Schleswig-Holstein und beim Versorgungswerk der Apothekerkammer Westfalen-Lippe sowie bei den Versorgungswerken der Landesapothekerkammern Hessen, Nordrhein und Niedersachsen
- Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe
Passt denn niemand auf die Versorgungswerke auf?
Die Beobachter der Branche sind sich einig: Es gibt ein Problem bei der Aufsicht. Das liegt daran, dass die Finanzaufsicht Bafin die Versorgungswerke – anders als die Anbieter von Lebensversicherungen und privaten Rentenversicherungen – nicht beaufsichtigt. Es gibt keine bundesweit einheitliche Aufsicht, vielmehr gibt es in jedem Bundesland unterschiedliche Aufseher in verschiedenen Ministerien, denen aber nicht selten die fachliche Expertise fehlen dürfte, Sinn und Unsinn von millionenschweren Investments zu beurteilen. Hinzu kommt: Andere Kontrollmechanismen haben ebenfalls versagt, etwa im Verwaltungsausschuss des Versorgungswerks der Zahnärztekammer Berlin. Diesem gehören Zahnärzte und Zahnärztinnen an, die hoffentlich sicherlich gut bohren und Implantate einsetzen können, aber nicht dafür ausgebildet sein dürften, eine Vermögensverwaltung dabei zu kontrollieren, ob sie professionelles Risikomanagement betreibt.
Welche Renditen erwirtschaften Versorgungswerke?
Die Versorgungswerke gelten als professionelle Geheimniskrämer, weil man nur wenig darüber erfährt, wie sie ihr Geld genau anlegen und welche Renditen dabei erwirtschaftet werden. So gibt es auch keine wissenschaftliche Studie, die systematisch untersucht hat, wie die 91 Versorgungswerke investieren, welche Kosten dabei anfallen und welche Erträge auf lange Sicht im Durchschnitt erwirtschaftet werden. Wer das wissen will, muss schon in die Jahresberichte des jeweiligen Versorgungswerks schauen, um – wenn überhaupt- Genaueres erfahren zu können. Trotzdem, und obwohl sich eine kapitalfinanzierte Altersversorgung nicht mit der umlagenfinanzierten gesetzlichen Rente vergleichen lässt, war in überregionalen Zeitungen zu lesen, die Versorgungwerke hätten in der Vergangenheit „oft bessere Ergebnisse als die gesetzliche Rentenversicherung“ erzielt.
Was ist attraktiver: Versorgungswerke oder gesetzliche Rente?
Für einen derart zugespitzten Vergleich fehlt eine solide Datengrundlage. Der Vergleich hinkt auch, weil die Rentenversicherung keine realen Renditen erzielen kann, denn die Beiträge werden ja nicht langfristig angelegt, sondern für die Bezahlung der aktuellen Renten verwendet. Hinzu kommt: Die Rentenversicherung zahlt nicht nur Renten aus, sondern bietet zahlreiche Zusatzleistungen, wie die Zahlung von Krankenversicherungsbeiträgen in der Rentenphase, eine „Belohnung“ für Kindererziehungszeiten (Mütterrenten), sie übernimmt bei Bedarf Kosten für eine Rehabilitation, und es gibt einen Hinterbliebenenschutz und Erwerbsminderungsrenten. All dies gibt es bei privaten Rentenversicherern oder Versorgungswerken entweder gar nicht, oder man muss es sich über die Beiträge teuer dazukaufen.
Man kann aber für gesetzlich Rentenversicherte individuelle Erträge errechnen, die sich laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut DIW je nach Geburtsjahrgang, Erwerbsverlauf einschließlich Einkommensniveau, Familienstand und demografischer und ökonomischer Entwicklung“ teilweise erheblich voneinander unterscheiden. In wie weit sich die Einzahlung von Rentenbeiträgen „lohnt“, hängt außerdem davon ab, wie lange die oder der Versicherte lebt und somit die gesetzliche Rente kassieren kann.
In einer Untersuchung aus dem Jahr 2021 kamen zwei Mathematiker jedenfalls zu dem Ergebnis, dass Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung ein lohnendes Investment sind. Wer nicht deutlich vor Erreichen seiner Lebenserwartung stirbt, erreicht demnach positive Renditen. Gerechnet wurde dabei mit Originalfällen anhand von Rentenbescheiden aus den Jahren 2007 bis 2020 für die Jahrgänge 1942 bis 1954. Je nach Fall kamen die beiden Mathematiker dabei bei gesetzlich Krankenversicherten auf Renditen von 2,3 bis 3,1 Prozent bei Rentnern und 2,9 bis 3,6 Prozent bei Rentnerinnen. In dem Fachaufsatz heißt es aber auch: „Je jünger, desto geringer die Rendite der gesetzlichen Rente.“
- https://www.ihre-vorsorge.de/altersvorsorge/nachrichten/knapp-940-000-beitragszahlende-in-versorgungswerken
- https://www.ihre-vorsorge.de/rente/nachrichten/altersvorsorge-wie-funktioniert-die-berufsstaendische-versorgung
- https://www.ihre-vorsorge.de/altersvorsorge/betriebsrente/wann-bei-der-betriebsrente-die-boese-ueberraschung-kommt
