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Die Sucht überwinden

Dr. Thomas Korte ist Chefarzt der Fachklinik Eußerthal der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz. Mitten im Pfälzerwald finden hier Suchtkranke Hilfe und Unterstützung, um wieder ins normale Leben zurückzukehren.

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Die Sucht überwinden

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Die Sucht überwinden

Wie wird man zum Alkoholiker?
Interviewer
Bei der Entstehung von Abhängigkeit spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Neben Umweltfaktoren, Lern- und Konditionierungsprozessen sind wahrscheinlich auch genetische Faktoren daran beteiligt. Eine typische Suchtpersönlichkeit scheint es nicht zu geben. Möglicherweise zeichnen sich Abhängige durch ein gesteigertes Bedürfnis nach Stimulation aus. Häufig geht der Alkoholabhängigkeit ein länger andauernder riskanter Alkoholkonsum voraus. Damit ist bei Frauen ein täglicher Alkoholkonsum von mehr als 12 Gramm reinem Alkohol, bei Männern von mehr als 24 Gramm pro Tag gemeint. Kommen psychische oder soziale Belastungen hinzu – zum Beispiel durch Kündigung, Scheidung oder den Tod eines Partners – kann daraus schnell eine Abhängigkeit werden. Auch eine weitere psychische Erkrankung, zum Beispiel eine Angststörung oder eine Depression, kann die Abhängigkeit begünstigen. Der Konsum von Alkohol entlastet den Betreffenden von Stress, vom Druck am Arbeitsplatz oder den psychischen Problemen, löst aber natürlich nicht diese Probleme. Der Übergang zwischen riskantem Alkoholkonsum und Abhängigkeit ist fließend und wird zunächst auch vom Betroffenen kaum bemerkt. Fachleute gehen von etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland aus, die einen riskanten Alkoholkonsum praktizieren.
Dr. Korte
Was richtet der Alkohol in unserem Körper an?
Interviewer
Alkohol kann im Prinzip fast jedes Organ in unserem Körper schädigen. Die Leber kann sich entzünden. Häufige Entzündungen können letztendlich zur Leberzirrhose, einem narbigen Umbau der Leber, führen. Die Leber kann dann nicht mehr bestimmte Stoffe abbauen, die im Gehirn Schädigungen hervorrufen. Oder es werden dann auch nicht mehr ausreichend bestimmte Eiweiße gebildet, um die Blutgerinnung sicherzustellen. Auch die Bauchspeicheldrüse kann sich unter Alkoholkonsum entzünden. Das geht mit massiven Schmerzen einher und nimmt häufig einen chronischen Verlauf, an dessen Ende der Verlust des funktionsfähigen Bauchspieldrüsengewebes steht. Für den Betroffenen bedeutet dies, dass die Bauchspeicheldrüse kaum noch Insulin und Eiweiße für die Verdauung produzieren kann. Grundsätzlich wird durch Alkohol die Bildung von bösartigen Tumoren gefördert, insbesondere dann, wenn der Betroffene auch noch raucht. Über 90 Prozent unserer Patienten in der Klinik sind starke Raucher. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Lungenkrebs kommt, aber auch Tumore im Bereich des Rachens auftreten, ist gegenüber Nicht-Trinkern und Nichtrauchern deutlich erhöht. Alkohol führt nicht selten zu Schädigungen des Gehirns und des peripheren Nervensystems, in deren Folge Bewegungs-, Empfindungs- oder auch psychische Störungen auftreten können.
Dr. Korte
Und wie wirkt sich Alkoholismus auf unsere Psyche aus?
Interviewer
Rund 40 Prozent unserer Patienten leiden an psychischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Depression, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen. Die Frage, was zuerst da war – die psychische Störung oder die Alkoholabhängigkeit-, lässt sich allerdings oft nicht leicht beantworten. Psychische Störungen können zum Alkoholismus führen, sie können aber auch erst durch Alkohol ausgelöst werden.
Dr. Korte
Wie lange dauert es, bis ein Alkoholiker die Folgen seiner Suchterkrankung überwunden hat?
Interviewer
Wenn man aufhört zu trinken, können sich körperliche Folgeerkrankungen bessern oder auch völlig abklingen. Selbst eine Leberzirrhose kann sich zu einem gewissen Grad zurückbilden. Je nach Schwere der Organschädigung dauert es Wochen bis Monate, bis sich der Organismus stabilisiert. Die psychische Abhängigkeit bleibt jedoch.
Dr. Korte
Wie groß sind die Vorurteile gegenüber Alkoholikern in unserer Gesellschaft?
Interviewer
Alkoholiker sind in unserer Gesellschaft stigmatisiert. Für viele Patienten wird dadurch auch der Weg zu einer Behandlung erschwert, da sie sich erst einmal zur Alkoholabhängigkeit öffentlich bekennen müssen. „Jetzt reiß dich doch mal zusammen!“ hören sicherlich immer noch viele Abhängige von ihren Partnerinnen oder Partnern. Aber es ist keine Frage der eigenen Disziplin oder des Willens, mit dem Alkohol aufzuhören. Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung, die die wenigsten Menschen aus eigener Kraft überwinden können. Es ist schon absurd: Auf der einen Seite ist der Alkoholkonsum gesellschaftlich akzeptiert und man gilt schon als Spaßbremse, wenn man kein „Gläschen“ mittrinkt. Auf der anderen Seite ist der Alkoholabhängige in unserer Gesellschaft geächtet.
Dr. Korte
Was sagen Ihre Rehabilitanden zum „kontrollierten Trinken“?
Interviewer
Unter bestimmten Bedingungen ist für manche Betroffene die Abstinenz vielleicht ein zu hoch gestecktes Ziel. So sehen wir immer wieder Patienten, die zunächst den Weg des kontrollierten Trinkens einschlagen möchten und das nach der Entwöhnungsbehandlung auch versuchen. Eine Reihe dieser Patienten kommt ein zweites Mal zu uns. Von ihnen hören wir dann, dass dieses Konzept nicht aufgegangen ist, dass sie es nicht schaffen, kontrolliert zu trinken. Nicht zuletzt aus dieser Erfahrung heraus scheint die zufriedene Abstinenz aus meiner Sicht das anzustrebende Ziel.
Dr. Korte
Welche Unterstützung brauchen Alkoholiker für ihr Leben nach der Therapie?
Interviewer
Damit der Therapieerfolg nachhaltig ist, empfehlen wir unseren Patienten, sich nach dem Abschluss der Behandlung in der Fachklinik vorübergehend weiter behandeln zu lassen. Das kann in Form einer weiteren ambulanten Psychotherapie sein oder im Rahmen einer Nachsorgebehandlung. Auch kann es notwendig werden, Patienten vorübergehend in einer soziotherapeutischen Wohngruppe unterzubringen, um sie weiter zu stabilisieren. Hilfreich ist sicherlich auch, wenn die Patienten sich einer Selbsthilfegruppe anschließen. Weitere stabilisierende Faktoren sind natürlich Familie und Partnerschaft, Arbeit, soziale Integration und Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst.
Dr. Korte
Welche Rolle spielen überhaupt Partner und Arbeitgeber?
Interviewer
Angehörige und Lebenspartner spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, abstinent zu bleiben. Wir bieten daher unseren Patienten an – sofern gewünscht -, die Partnerin oder den Partner im Rahmen eines Angehörigenseminars in die Behandlung miteinzubeziehen. Bei solchen Seminaren werden verschiedene Fragen diskutiert, etwa wie man mit seinem alkoholkranken Partner umgeht und welche Fehler man dabei machen kann, oder was zum Beispiel getan werden kann, wenn der Partner rückfällig wird.
 Arbeitgeber gehen zum Teil sehr offensiv mit dem Thema Sucht um und unterstützen Mitarbeiter dabei, eine Therapie zu machen – in größeren Betrieben ist das ein Teil des Gesundheitsmanagements. Andererseits sehen wir nicht wenige Patienten, die ihre Abhängigkeit nicht vor ihrem Arbeitgeber offenbaren wollen, da sie berufliche Konsequenzen fürchten oder Angst haben, ihre Reputation zu verlieren. Unser Leitender Psychologe hält regelmäßig Vorträge in Betrieben zum Thema Sucht am Arbeitsplatz. Trotz aller Aufklärung ist das Thema Alkoholabhängigkeit – sowohl am Arbeitsplatz als auch im Privaten – häufig immer noch ein Tabu.
Dr. Korte
10_Was empfehlen Sie jemandem, der befürchtet, in den Alkoholismus abzugleiten?
Interviewer
Er oder sie sollte sich möglichst frühzeitig professionelle Hilfe holen. Der Hausarzt kann da weiterhelfen, aber auch die Psychosozialen Beratungsstellen. Hier bekommt man Zugang zum umfangreichen gestaffelten Hilfesystem: von der ambulanten Gruppe über die ganztags ambulante bis hin zur stationären Therapie. Natürlich kann auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe sinnvoll sein. Wir in Eußerthal bieten unterschiedliche Behandlungsformen an, um möglichst individuell auf die Erfordernisse des Patienten eingehen zu können: stationär, ganztags ambulant, mit Kombibehandlung oder einer Reha-Abklärung für Patienten mit ambivalentem Abstinenzwunsch, um letztendlich die Behandlungsbereitschaft zu fördern.
Dr. Korte

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