München (dpa/tmn). Wieso altern wir? Und was passiert dabei in unserem Körper? Diese Fragen beschäftigen die Menschen seit jeher – und die medizinische Forschung liefert immer präzisere Antworten.
Der Mediziner Dominik Duscher und die Journalistin Nina Ruge haben ein Buch darüber geschrieben, welchen Einfluss bestimmte Prozesse in den Zellen darauf haben. Ihre These lautet: Altern ist eine Krankheit und kann therapiert werden. Ein Gespräch darüber, wie man möglichst lange gesund bleibt und warum man trotzdem irgendwann sterben wird.
Nina Ruge: Es gibt Menschen, die meinen, wir würden das Altwerden diskriminieren, indem wir es als krank diskreditieren. Das ist nicht der Fall. Wir beschreiben, wie das Schwinden der Zellkompetenzen darauf Einfluss nimmt. Zwei Begriffe helfen vielleicht dabei, das zu verstehen: das primäre und das sekundäre Altern.
Wir beschäftigen uns mit dem primären Altern und wollen deutlich machen, dass man schon sehr früh tätig werden kann, um die Zellfunktion so zu stärken, dass das sekundäre Altern sehr viel später eintritt und uns die Alterskrankheiten sehr viel später erwischen.
Wie man das Altern verlangsamen kann
Ruge: Und weil wir auf das Alter von 25 anspielen: Das ist tatsächlich der Gipfel der Gesundheit und der Fitness der Zellen. Danach geht es bei den verschiedenen Zelltypen und ihren Kompetenzen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bergab. Spätestens ab 25 sollte man tätig werden und gegensteuern.
Ruge: Es geht auch massiv um das Weglassen: Von Zucker, von tierischen Fetten, von Salzen und industriellen Fertigprodukten. Man sollte auf Gemüse setzen, möglichst 25 verschiedene Sorten pro Woche und 400 Gramm am Tag. Dazu bestimmte Nüsse und Öle. Wenn ich mehr über die Wirkung der Nahrung als Medizin weiß, werde ich sie achtsamer wählen.
Duscher: Die Basis der Zellverjüngung ist ganz klar, was wir aufnehmen an Nahrung und Getränken. Manchmal kommt man hier aber noch in eine Sackgasse. Und dann könnten Nahrungsergänzungsmittel helfen – wobei man da genau schauen muss, was das ist, was man da einnimmt.
Ruge: Der Spiegel des Coenzyms Q10 sinkt zum Beispiel ab dem 40. Lebensjahr in den Herzzellen, wo wir es ganz besonders brauchen, stark ab. Q10 sind die Zündkerzen unserer Atmungskette, unserer Energiegewinnung. Durch eine orale Aufnahme des Coenzyms könnten wir mit einiger Wahrscheinlichkeit entgegenwirken und den Pool der Zündkerzen, die mit dem Alter immer spärlicher vorhanden sind, auffüllen. Fehlen die Zündkerzen, wirkt sich das auf die Leistungsfähigkeit der Mitochondrien und damit auf unsere Fitness aus. Man fühlt sich immer schlapper.
Eine neue Medizin für Ältere Menschen
Ruge: Die Schallmauer der Langlebigkeit, das biblische Alter von rund 120 Jahren hat bis heute niemand durchbrechen können. Warum ist das so? Einige unserer Organe werden leider nicht runderneuert, deren Zellen werden nicht regelmäßig ausgetauscht und altern massiv: die von Herz, Niere, Leber und Gehirn. Dort führt die Zellalterung irgendwann zum Tod des Gewebes.
Duscher: Das Herz ist ein bisschen unser Sorgenkind, es ist der Motor unseres Kreislaufs. Ohne Herz geht nichts. Und leider hat es die Eigenschaft, dass es sich sehr schlecht erneuert. Die Herzmuskelzellen sind sehr regenerationsträge. Und das ist ein potenzieller Punkt, wo es uns mit 100 plus erwischen kann. Das Herz ist, wie das Gehirn, ein klassisches Ziel für Stammzellentherapien – so wird zum Beispiel nach Schlaganfällen versucht, die Heilung des Nervengewebes voranzutreiben. Bisher wird es aber nur zur Therapie, nicht zur Prophylaxe eingesetzt.
Zu den Personen Dominik Duscher und Nina Ruge
Dominik Duscher ist plastischer Chirurg und forscht zur Optimierung der Zellfunktion bei Alter und Diabetes. Nina Ruge ist studierte Biologin, Journalistin und Fernsehmoderatorin.
