Rente / 24.02.2020

Auch bei langer Krankheit: Zwangsverrentung nein danke

Langzeitkranke können nicht zwangsweise vom Krankengeld in die Erwerbsminderungsrente ausgesteuert werden. Eine Zwangsverrentung gibt es nicht.

Bild zum Thema Auch bei langer Krankheit: Zwangsverrentung nein danke. – Mann mittleren Alters schaut deprimiert aus dem Fenster.

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Meine Krankenkasse will prüfen, ob ich künftig überhaupt noch arbeiten kann. Dafür soll ich begutachtet werden. Darf die Kasse das?

Das darf sie. Denn die Krankenkasse ist für Sie nur zuständig, solange Sie vorübergehend arbeitsunfähig sind. Wenn Sie dauerhaft erwerbsgemindert sind, sind Sie sozusagen ein Fall für die Rentenversicherung. Wenn Sie aufgefordert werden, sich beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) zur Begutachtung vorzustellen, dürfen Sie das im Grundsatz nicht ablehnen, da Sie als Leistungsbezieher zur Mitwirkung verpflichtet sind. Meistens entscheidet der MDK allerdings nur nach Aktenlage – ohne persönliche Begutachtung.

Wann gelte ich denn als erwerbsgemindert?

Als voll erwerbsgemindert zählen Sie, wenn Sie nicht mehr in der Lage sind,

  • wegen einer Erkrankung oder Behinderung
  • auf nicht absehbare Zeit (d.h. mehr als sechs Monate)
  • unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes
  • mindestens drei Stunden täglich erwerbstätig zu sein.

Als teilweise erwerbsgemindert gelten Sie, wenn sie nur noch drei bis unter sechs Stunden irgendeine Erwerbstätigkeit ausüben können.

Stellt die Krankenkasse fest, ob ich dauerhaft erwerbsgemindert bin?

Nein. Das ist Sache der Deutschen Rentenversicherung. Die Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung geben nur eine Prognose ab, ob die Arbeitsunfähigkeit vorübergehend oder „auf nicht absehbare“ Zeit besteht bzw. ob Ihre Erwerbsfähigkeit erheblich gefährdet oder gemindert ist. Diese Einschätzung geht dann an die Krankenkasse. Die Rentenversicherung ist an diese Einschätzung nicht gebunden.

Wie lange habe ich Anspruch auf Krankengeld?

Längstens für 78 Wochen. Beschäftigte erhalten allerdings in den ersten sechs Krankheitswochen stattdessen Lohnfortzahlung. In dieser Zeit ruht der Krankengeldanspruch. Anschließend gibt es dann für 72 Wochen Krankengeld – soweit die Arbeitsunfähigkeit fortbesteht.

Kann die Krankenkasse mich daraufhin auffordern, einen Reha-Antrag zu stellen?

Das kann sie. Nach der Begutachtung drängt die Krankenkasse Sie möglicherweise sogar dazu. Der Antrag muss bei der Deutschen Rentenversicherung gestellt werden. Dafür sind Sie selbst zuständig, das macht die Krankenkasse also nicht für Sie.

Wie sollte ich als Krankengeld-Bezieher auf die Aufforderung zum Reha-Antrag reagieren?

Dabei handelt es sich um einen Verwaltungsakt. Das bedeutet: Sie müssen die Aufforderung ernst nehmen. Und: Gegen diese Aufforderung können Sie Widerspruch einlegen. Vorher ist es in jedem Fall sinnvoll, Einsicht in die Akten zunehmen, insbesondere in das Gutachten des MDK.

Wie schnell muss ich einen Reha-Antrag stellen?

Wenn die Krankenkasse Sie hierzu formell auffordert, müssen Sie dies binnen zehn Wochen tun. Das muss so auch in der Aufforderung stehen. Die Frist von zehn Wochen ist gesetzlich in § 51 des fünften Sozialgesetzbuchs (SGB V) geregelt und kann von der Krankenkasse nicht verkürzt oder verlängert werden.

Wichtig für Sie: Bis zum Ende dieser Zehn-Wochen-Frist erhalten Sie weiterhin Krankengeld. Stellen Sie den Reha-Antrag allerdings in dieser Frist nicht, dann gibt es ab dem darauffolgenden Tag kein Krankengeld mehr – bis Sie den Reha-Antrag stellen. Ab dem Tag, an dem Sie das tun, haben Sie – bei weiter bestehender Arbeitsunfähigkeit – wieder Anspruch auf Krankengeld. Für die Tage zwischen dem Ende der Zehn-Wochen-Frist und Ihrer Reha-Antragstellung wird das Krankengeld allerdings nicht nachgezahlt.

Den Reha-Antrag können Sie formlos schriftlich stellen. Um die Frist zu wahren, reicht notfalls ein Fax. Wichtig ist dabei: Den Reha-Antrag dürfen Sie nicht „pro forma“ stellen – und ihn ein paar Tage später wieder zurückziehen. Das wird dann so gewertet, als ob Sie gar keinen Antrag gestellt hätten.

Lohnt es sich, die Zehn-Wochen-Frist „auszureizen“?

In der Regel ja. Schon allein deshalb, weil das Krankengeld in den meisten Fällen deutlich höher ausfällt als eine Erwerbsminderungsrente, die Sie stattdessen möglicherweise erhalten könnten. Zudem ist ja längst nicht klar, ob Sie Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente haben.

Tipp:

Wie hoch Ihre (volle) Erwerbsminderungsrente ausfallen würde, können Sie Ihrer letzten Renteninformation entnehmen. So lesen Sie die Renteninformation richtig.


Was passiert nach dem Reha-Antrag?

Die Rentenversicherung prüft dann, ob sie Anspruch auf eine Rehabilitation haben. Vor allem geht es dabei darum, ob durch eine Reha eine Minderung Ihrer Erwerbsfähigkeit abgewendet werden kann.

Bestehen hierfür Chancen, so wird die Reha bewilligt. Während der Reha erhalten Sie zumeist das so genannte Übergangsgeld der gesetzlichen Rentenversicherung. Dieses fällt niedriger aus als das Krankengeld. Wenn eine Reha in Ihrem Fall keinen Erfolg verspricht, wird aus dem Reha-Antrag automatisch ein Antrag auf eine Erwerbsminderungsrente.

Wie bin ich abgesichert, bis über meinen Antrag auf Erwerbsminderungsrente entschieden ist?

Das kann dauern. Wichtig zu wissen ist dabei: Eine Erwerbsminderungsrente gibt es in der Regel erst ab dem siebten Monat nach Eintritt der Erwerbsminderung. Bis die Rente bewilligt wird, erhalten Sie weiterhin Krankengeld – soweit der 78-wöchige Leistungsanspruch noch nicht aufgebraucht ist und weiterhin Arbeitsunfähigkeit besteht und durchgehend ärztlich festgestellt wird.

Ist Ihr Krankengeld bereits ausgelaufen, so haben Sie gegebenenfalls Anspruch auf die Versicherungsleistung Arbeitslosengeld. Dieses können nach § 145 Sozialgesetzbuch (SGB) III ausnahmsweise auch diejenigen bekommen, die die sonstigen Anspruchsvoraussetzungen erfüllen, aber „wegen einer mehr als sechsmonatigen Minderung ihrer Leistungsfähigkeit versicherungspflichtige, mindestens 15 Stunden wöchentlich umfassende Beschäftigungen“ nicht ausüben können.

Wer kann mir beim Antrag auf Erwerbsminderungsrente helfen?

Beim Ausfüllen der Anträge helfen z.B. die Auskunfts- und Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung oder die ehrenamtlich tätigen Versichertenberaterinnen und -berater und Versichertenältesten. Die Adressen finden sich über das kostenlose Servicetelefon der Rentenversicherung (Tel. 0800 1000 4800) oder unter: www.deutsche-rentenversicherung.de → Beratung & Kontakt.

Weitere Informationen

Alle Infos zur Erwerbsminderungsrente auf Ihre Vorsorge

www.deutsche-rentenversicherung.de
Broschüre der Deutschen Rentenversicherung zur Erwerbsminderungsrente

 

Autorenbild

Autor

Rolf Winkel