Rente / 24.09.2019

Die Rente für die Zukunft rüsten

Zwei Tage lang diskutierten Experten in Loccum über aktuelle und künftige Herausforderungen für die deutsche Alterssicherung – mit einem bemerkenswerten Schulterschluss.

Bild zum Beitrag "Die Rente für die Zukunft rüsten". Das Bild zeigt ein Sparschwein mit Prozentzeichen.

Loccum (sth). Es kommt nicht oft vor, dass sich Wissenschaftler aus dem Gewerkschafts- und dem Arbeitgeberlager in einer aktuellen politischen Streitfrage einig zeigen. Ende vergangener Woche war es jedoch soweit. In der intimen Atmosphäre der Evangelischen Akademie Loccum stellten die Rentenexperten des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) bei der Hans-Böckler-Stftung und des arbeitgeberseitig betriebenen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Florian Blank und Joachim Pimpertz, gemeinsam fest: Die immer noch heftig diskutierte Grundrente sei „kein geeignetes Instrument zur Bekämpfung drohender Altersarmut“ (siehe auch www.ihre-vorsorge.de). IW-Experte Pimpertz zeigte sich nach dem Vortrag seines WSI-Kollegen Blank jedenfalls geradezu begeistert über die übereinstimmenden Analysen beider Institute.

Gut möglich, dass erst der Schutzraum einer Akademietagung in ländlicher Idylle und ein fachlich exzellent besetztes Forum wie die Jahrestagung der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt eine ebenso konstruktive wie harmonische Diskussion über die Herausforderungen für die künftige Alterssicherungspolitik ermöglichten. Die Grundlage für die zahlreichen Debatten am Donnerstag und Freitag vergangener Woche legten die beiden Rentenexpertinnen Dina Frommert und Tatjana Mika von der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Dina Frommert widmete sich dabei einem Themenkomplex, der in der aktuellen Grundrenten-Debatte eine zentrale Hintergrundrolle spielt: die hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern in den Nach-Wendejahren.

Hohe Langzeitarbeitslosigkeit in den neuen Ländern

Analysen auf Basis der im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie „Lebensverläufe und Altersvorsorge“ (LeA) hätten ergeben, dass in manchen Bereichen Ostdeutschlands mehr als 30 Prozent der Bevölkerung zwischen 40 und 60 Jahren in ihrem bisherigen Berufsleben mehr als fünf Jahre lang arbeitslos gewesen seien, sagte Frommert. Dies schlage sich in den Rentenansprüchen der Betroffenen auch deutlich nieder. Vor allem die jüngsten der untersuchten Geburtsjahrgänge – zwischen Anfang und Mitte 40 Jahre alt – hätten oft zu Beginn ihrer Berufslaufbahn „längere Phasen der Arbeitslosigkeit erlebt“. Da in den neuen Ländern bei Paaren oft beide Partner von diesem Schicksal betroffen gewesen seien, mache sich dies in entsprechend niedrigen Rentenanwartschaften bemerkbar. Ab 2005 wurden für Langzeitarbeitslose nur noch niedrige, seit 2011 gar keine Rentenbeiträge mehr gezahlt.

Einer weiteren potenziell von Armut im Alter bedrohten Gruppe widmete sich anschließend Frommerts Kollegin Tatjana Mika: Frauen nach Kindererziehung, Teilzeitarbeit und Scheidung. Frauen verdienten nicht nur während der Ehe vielfach weniger als ihre (Ex-)Männer, erklärte Mika unter Verweis auf den vielfach belegten „Gender Pension Gap“ – sie würden auch nach einer Scheidung deutlich seltener wieder heiraten.

Insbesondere bei Frauen, deren Ex-Männer wenig verdient hätten, bliebe auch der Effekt des Versorgungsausgleichs, durch den die Rentenansprüche von geschiedenen Frauen in aller Regel steigen, „relativ begrenzt“, so Mika. In der DDR geschiedene Frauen litten zudem darunter, dass es dort die in Westdeutschland seit Mitte 1977 gesetzlich verankerte „hälftige Teilung der während der Ehe erworbenenen Rentenansprüche nicht gegeben“ habe.

„Über den Tellerrand hinausdenken“

Den besonderen Charakter der Rentenversicherung als „Sozialversicherung“ hob der Forschungs-Chef der Deutschen Rentenversicherung Bund, Reinhold Thiede, hervor. Einerseits solle die Rente die Lebensleistung mit Zeiten der Berufstätigkeit, der Kindererziehung oder häuslicher Pflege von Pflegebedürftigen „äquivalent“ abbilden. Das führe dazu, dass die Rente von Gutverdienern entsprechend höher ausfalle als von Geringverdienern.

Auf der anderen Seite gebe es in der Rentenversicherung zahlreiche Maßnahmen des sozialen Ausgleichs, so Thiede. Darunter fielen zum Beispiel die rentensteigernde Anrechnung von Kindererziehungszeiten oder Phasen der Arbeitslosigkeit, die rechnerische Verlängerung der Berufszeit von Erwerbsgeminderten durch die „Zurechnungszeit“ oder die Höherwertung von Niedriglöhnen während der Kindererziehung bis zum 10. Lebensjahr des jüngsten Kindes.

Dennoch sei die Akzeptanz solcher Maßnahmen und ihre Wirkung auf den Arbeitsanreiz „nicht immer eindeutig“, erklärte Thiede an verschiedenen Beispielen. So sei es zwar für viele Menschen nachvollziehbar, dass der Rentenanspruch eine gerechte Abbildung des Arbeitslebens darstellen solle. Dieses Verständnis werde jedoch im Einzelfall deutlich erschwert, wenn sich etwa „trotz eines Rentenanspruchs Bedürftigkeit nicht vermeiden lässt“. Diese Wirkung könne auch auf die „lineare deutsche Rentenformel“ mit ihrer direkten Beziehung zwischen Erwerbseinkommen und Rentenhöhe zurückzuführen sein.

Der Forschungsleiter der Rentenversicherung warb deshalb dafür, in der künftigen Rentendebatte nicht nur die bekannten Parameter – Rentenniveau, Altersgrenze und Beitragssatz – zu berücksichtigen, sondern „über den Tellerrand hinauszuschauen und auch alternative Denkanstöße, zum Beispiel aus dem Ausland, in die Debatte einzubeziehen“.

Zwischen neuer „Maschinensteuer“ und „Drei Säulen“-Modell

Den letzten Themenkomplex der aufschlussreichen Tagung bildeten aktuelle Gedankenspiele um „arbeitgeberseitige Wertschöpfungsbeiträge“ und die Zukunft der kapitalgedeckten Altersvorsorge innerhalb des politisch gewünschten „Drei Säulen“-Modells. Dennis Huchzermeier vom Handelsblatt Research Institute zeigte auf, dass sich die Lohnquote in Deutschland nach aktuellen statistischen Revisionen in den vergangenen beiden Jahrzehnten „besser entwickelt habe als bisher gedacht“.

Doch für die Zukunft erwarteten viele Experten eine langfristig sinkende Lohnquote, so Huchzermeier. Der zum Ausgleich – wegen der zunehmenden Digitalisierung – angedachte Weg von arbeitgeberfinanzierten Wertschöpfungsbeiträgen an die Rentenversicherung sei „umstritten“. Die dadurch von manchen Seiten befürchteten negativen Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung seien aber „zu vernachlässigen“, erklärte der Düsseldorfer Ökonom. 

Einen indirekten Scheinwerfer auf die Arbeit der aktuellen Regierungs-Rentenkommission richtete zum Abschluss die Ökonomin Gisela Färber: Sie bewertete die bisherige und künftig angedachte Rolle der kapitalgedeckten Zusatzvorsorge innerhalb des deutschen „Drei-Säulen“-Altersvorsorgemodells. Insbesondere seit der Weltfinanzmarktkrise vor einem Jahrzehnt sei der Vorteil der „Teilhabe der 21 Millionen Rentner an der Lohnentwicklung bei den Arbeitnehmern“ deutlich zutage getreten, sagte Färber. Dagegen hätten sich die kapitalgedeckten Systeme in dieser Zeit als „sehr krisenanfällig“ erwiesen. Ursache dafür sei neben dem demografischen Wandel „vor allem die Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank“, kritisierte Färber.

Dennoch plädierte die Altersvorsorge-Expertin eingehend für ein Festhalten an der Drei-Säulen-Alterssicherung. Dazu müssten allerdings die Arbeitgeber „wieder finanziell deutlich stärker ins Boot geholt werden“ als seit der Riester-Reform von 2001. Zwar sei ein „Defined benefit“-Modell (ein festes Sicherungsziel, d. Red.) vermutlich „nicht darstellbar“, so Färber. Doch ein alternatives Vorsorgemodell – etwa in Form eines „Deutschland-Fonds“ mit Renditen, die sich aus den Produktivitätszuwächsen der deutschen Wirtschaft speisen – biete zusammen mit einer verbesserten betrieblichen Altersversorgung auch künftig die Perspektive für ein Alter in Sicherheit.

Mehr zum Thema:

www.lea-studie.de
LeA-Studie im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung und des Bundessozialministeriums

Altersarmut: Risikogruppen und Perspektiven
Magazinbeitrag auf ihre-vorsorge.de

Frauen-Rente nur halb so hoch
Nachrichtenbeitrag auf ihre-vorsorge.de

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen