Rente / 25.11.2021

Wissenschaftler fordern Rückkehr des Nachholfaktors

Auch der frühere Rentenversicherungs-Chef Franz Ruland plädiert dafür, die jährliche Rentenanpassung schon ab 2022 abzuschwächen.

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Prof. Dr. Franz Ruland

Berlin (sth). 30 Wissenschaftlerinnen und Experten fordern die Rückkehr des Nachholfaktors in der Rentenanpassungsformel. In Form einer Anzeige appellierten die teilweise auch in der Öffentlichkeit bekannten Fachleute am Mittwoch an die wahrscheinliche Ampel-Koalition, die Renten dürften künftig nicht stärker steigen als die Löhne der Beschäftigten. Zu den Mit-Unterzeichnern des Aufrufs gehören der frühere Rentenversicherungs-Chef Franz Ruland sowie die derzeitigen "Wirtschaftsweisen" Monika Schnitzer und Volker Wieland. Hinter der Anzeige steht die von Arbeitgeberverbänden finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).

Auch der am Mittwoch veröffentlichte Koalitionsvertrag der wahrscheinlichen künftigen Ampel-Bundesregierung sieht vor, den Nachholfaktor "rechtzeitig vor den Rentenanpassungen ab 2022 wieder aktivieren und im Rahmen der geltenden Haltelinien wirken lassen" zu wollen. Als die schwarz-rote Koalition 2018 die sogenannten Haltelinien für die Rentenversicherung bis 2025 beschloss – Rentenbeitragssatz von höchstens 20 Prozent, Rentenniveau von mindestens 48 Prozent –, wurde der Nachholfaktor für diesen Zeitraum vorläufig ausgesetzt. Der Faktor ist seit der Weltfinanzkrise 2007/2008 ein Teil der Formel zur Berechnung der jährlichen Rentenanpassung. Er stellt sicher, dass nach einer Wirtschaftskrise mit sinkenden Löhnen – aber stabilen Renten – bei wieder steigenden Löhnen die per Rentengarantie verhinderte Rentenkürzung nachträglich rechnerisch ausgeglichen wird.

"Rentner profitieren von der Krise"

Dazu wird – unter Umständen über mehrere Jahre hinweg – die rechnerisch mögliche Rentenerhöhung nur zur Hälfte umgesetzt. Nach Angaben des neuen Rentenversicherungsberichts der Bundesregierung könnten die Bezüge der 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner 2022 aufgrund der diesjährigen Lohnzuwächse bei den Beschäftigten um 5,18 Prozent in den alten und 5,95 Prozent in den neuen Ländern wachsen. Unter Berücksichtigung des Nachholfaktors würden sich diese Werte jedoch auf etwa 2,6 und knapp drei Prozent reduzieren.

"Wenn der Nachholfaktor fehlt, werden die Rentner von einer Krise nicht nur verschont, sondern sie profitieren von der Krise. Das ist absurd und widerspricht definitiv der Generationengerechtigkeit", erklärte der Münchner Altersvorsorgeexperte Axel Börsch-Supan, einer der Erstunterzeichner des Appells. "Das Aussetzen des Nachholfaktors benachteiligt die junge Generation. Und zwar dauerhaft", ergänzte der Geschäftsführer der INSM, Hubertus Pellengahr. Selbst wenn der Nachholfaktor ab 2026 wieder wirksam wird. Denn die verschobene Lastenverteilung wirkt fort", sagte er. 

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Autor

Stefan Thissen