Berlin/Bremen/Saarbrücken (sth). Die große Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich weiterhin den überwiegenden Teil der Leistungen in den Bereichen Alterssicherung, Krankenversorgung und Pflege vom Staat. Das geht aus dem jetzt veröffentlichten „Sozialstaatsradar 2025“ hervor, der die Ergebnisse einer Befragung von 3.000 Menschen im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), der Arbeitnehmerkammer Bremen und der Arbeitskammer des Saarlandes vom Spätherbst 2024 zusammenfasst. Demnach erwarten etwa 80 Prozent der Menschen in Deutschland, dass auch künftig "mindestens ein Großteil der sozialen Sicherung verpflichtend erfolgt".
Der Befragung zufolge wäre eine klare Mehrheit aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hierzulande “bereit, höhere Beiträge zu leisten, um sozialstaatliche Leistungen in den bestehenden Systemen mindestens zu erhalten”. Für den Bereich der Alterssicherung zeigten sich 63 Prozent der Befragten “zu etwas höheren Beiträgen bereit", wenn die Renten dadurch mindestens auf dem bisherigen Niveau bleiben würden. Für bessere Leistungen wären weitere 12 Prozent sogar “zu deutlich höheren Beiträgen” bereit, heißt es in der Studie.
75 Prozent des Netto-Erwerbseinkommens auch im Alter
Mit Blick auf die Höhe der gewünschten Alterseinkünfte halte die Bevölkerung eine sogenannte Nettoersatzrate von etwa 75 Prozent aus gesetzlicher Rente, betrieblicher und privater Altersvorsorge “für angemessen”, schreiben die Sozialstaatsradar-Autoren. Die Netto-Alterseinkünfte sollten insgesamt also ungefähr drei Viertel des früheren Nettoeinkommens erreichen. Da die gesetzliche Rente dieses Niveau allein nicht erreiche, sei “also eine große Versorgungslücke zu schließen, um den Erwartungen der Menschen gerecht zu werden”, folgert die Studie und stellt fest: “Mit betrieblichen und/oder privaten Renten gelingt dies jedenfalls bislang oft nicht.”
Bemerkenswert ist der Befragung zufolge die Position vieler Selbstständiger zu einer eigenen Altersvorsorgepflicht: Demnach verlangen etwa drei Viertel aller Unternehmer “mindestens ein einheitliches Erwerbstätigenmodell für die Altersvorsorge, wollen also eine gemeinsame Rentenversicherung für alle Arbeitenden”. Das ist umso verblüffender, als die jeweiligen Regierungskoalitionen schon lange vergeblich versuchen, eine Altersvorsorgepflicht für Selbstständige durchzusetzen - mutmaßlich vor allem wegen Widerstands aus der Selbstständigen-Lobby.
Signal an die künftige Bundesregierung
Für die Gewerkschaften ergibt sich aus dem Ergebnis des “Sozialstaatsradars” ein klares Bevölkerungssignal an die künftige Bundesregierung: "Die Beschäftigten wollen nicht auf eigenes Risiko für das Alter, Krankheit, oder Pflege vorsorgen”, so Anja Piel, Mitglied des DGB-Bundesvorstands und Co-Vorsitzende des Bundesvorstands der Deutschen Rentenversicherung. “Ganz im Gegenteil: Eine überwältigende Mehrheit will ein verpflichtendes und automatisches Sicherheitsnetz.”
Und mit Blick auf die Erwartungen junger Menschen an die Zukunft der gesetzlichen Rente ergänzt Peer Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen: „Unsere Befragung zeigt, dass gerade jüngere Beschäftigte zu höheren Beiträgen bereit wären, um selbst noch eine gute Rente zu erreichen. Die Politik sollte sich das zu Herzen nehmen und den mit dem Rentenpaket II vorgesehenen Weg weiter beschreiten: Rentenniveau mindestens halten, dafür moderat höhere Beiträge verlangen.“
- Im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sowie der Arbeitnehmerkammer Bremen und der Arbeitskammer des Saarlandes hat das uzbonn vom 25. November bis zum 10. Dezember 2024 anhand einer systematischen Quotenstichprobe grundlegende Positionen zum Sozialstaat und zu den Themen Gesundheit, Pflege und Rente erhoben. Insgesamt wurden 3.000 Personen der Wohnbevölkerung in Deutschland im Alter ab 18 Jahren per Online-Interview befragt und die Ergebnisse so gewichtet, dass die Resultate die tatsächliche Verteilung – etwa nach Alter, Geschlecht oder Region – repräsentieren.
