Konstanz (ots/sth). Vor allem Menschen mit geringem Einkommen nehmen in Deutschland eine Ungleichbehandlung bei der Rente wahr - möglicherweise aus Sorge vor Altersarmut. Auch im Bereich anderer Sozialleistungen fühlten sie sich oft unfair behandelt, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Studie des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz. Im Gegensatz dazu würden Menschen mit hohem Einkommen vor allem die Behandlung in den Bereichen Bildung und sozialer Aufstieg als unfair empfinden, schreiben die Studienautoren. Befragte in Ostdeutschland wiederum sähen eine stärkere Ungleichbehandlung in den Bereichen Löhne, Rente und Repräsentation als Befragte in Westdeutschland.
„Bei der Rente gilt eigentlich das Prinzip der Äquivalenz zwischen eingezahlten Beträgen und ausgezahlten Renten. Trotzdem zeichnet sich hier ein hohes Maß an gefühlter Ungerechtigkeit ab“, erklärte Marius R. Busemeyer, Professor für Politikwissenschaft und Sprecher des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz, bei der Veröffentlichung der Studie. „Scheinbar gibt es eine weit verbreitete Unsicherheit und Unzufriedenheit mit der Performanz des Rentensystems, die die neue Bundesregierung zum Anlass nehmen sollte, das System durch langfristig orientierte Reformen nachhaltig abzusichern."
Personen mit geringerem Einkommen haben wenig Vertrauen
Mehr als 70 Prozent der Befragten haben laut der Studie ein (sehr) geringes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit, Fairness und langfristige Finanzierbarkeit des deutschen Sozialstaats. Dabei zeigten “Personen mit geringerem Einkommen wiederum ein signifikant geringeres Vertrauen als Personen mit hohem Einkommen”, schreiben die Studienautoren. “Subjektive Wahrnehmungen haben somit – trotz nachgewiesener systematischer Verzerrungen – über objektive Faktoren hinaus einen maßgeblichen Einfluss auf Einstellungen zum Sozialstaat.”
Ein unmittelbarer Zusammenhang besteht den Untersuchungsergebnissen zufolge auch zwischen Ungleichheit und politischer Teilhabe. So schätzen vor allem Menschen, die beabsichtigten, bei der Bundestagswahl 2025 für die AfD zu stimmen, die ökonomische Ungleichheit als hoch, aber ihre eigenen politischen Einflussmöglichkeiten als äußerst gering ein. Menschen aus unteren Einkommensschichten und mit geringerer Bildung nähmen systematisch weniger persönliche Einflussmöglichkeiten auf die Politik wahr und seien weniger zuversichtlich, sich selbst aktiv in politische Debatten einbringen zu können.
„Soziale Ungleichheit unterspült im Ergebnis das demokratische Fundament des deutschen Sozialstaats”, so Busemeyer. In Hinblick auf die Frage, inwiefern das politische System auf Wünsche und Bedürfnisse der Wählerinnen und Wähler reagiert, ist die Skepsis laut der Studie bei allen Befragten stark ausgeprägt: 85 Prozent geben an, dass Politiker sich nicht darum kümmern, was „einfache Leute” denken; 82 Prozent sind der Meinung, dass sich Politiker nicht um einen engen Kontakt zur Bevölkerung bemühen.
- Im Projekt „Das Ungleichheitsbarometer“ befragen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Forscher nach eigenen Angaben alle zwei Jahre rund 6.000 Personen zu ihrer Wahrnehmung von Ungleichheit in den Bereichen Einkommen und Vermögen, Wohlfahrtsstaat, soziale Mobilität, Auswirkung des Klimawandels und politische Beteiligung. Die vorliegenden Daten wurden in einer Online-Befragung der über-18-jährigen Wohnbevölkerung in Deutschland zwischen dem 11.11 – 5.12. 2024 erhoben. Insgesamt nahmen 6152 Befragte teil.
- Der Exzellenzcluster „The Politics of Inequality” an der Universität Konstanz erforscht aus interdisziplinärer Perspektive die politischen Ursachen und Folgen von Ungleichheit. Die Forschung widmet sich einigen der drängendsten Themen unserer Zeit: Zugang zu und Verteilung von (ökonomischen) Ressourcen, der weltweite Aufstieg von Populisten, Klimawandel und ungerecht verteilte Bildungschancen.
