Berlin (dpa/bb). Seit 44 Jahren kümmern sich Wolfgang und Angelika Noack täglich um ihre pflegebedürftige Tochter. Birgit Noack kam mehrfach schwerst behindert zur Welt, sitzt im Rollstuhl und ist inkontinent. Unter der Woche ist die 44-Jährige bis nachmittags in einer Fördertagesstätte und wird danach für zwei bis drei Stunden betreut. Den Rest des Tages und am Wochenende kümmern sich ihre 73 und 71 Jahre alten Eltern. Sie wickeln, waschen, helfen beim Anziehen, bereiten das Essen zu, bringen sie ins Bett. Trotz des enormen Aufwandes sei es immer klar gewesen, dass sie ihre Tochter zu Hause pflegen, sagt Wolfgang Noack. “Birgit gehört zu uns.”
In Berlin ist die Familie Noack kein Einzelfall - im Gegenteil: Nach Angaben der Pflegeverwaltung wurden Ende 2021 rund 85 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt. Meistens sind es Familienangehörige oder Freunde, die sich kümmern. Nach Angaben der Behörde sind diese geschätzt 200.000 Menschen “die mit großem Abstand wichtigste Stütze des pflegerischen Versorgungssystems in Berlin”.
Aktionswoche solle Pflegenden Auszeit gönnen
Für Betroffene organisiert die Fachstelle für pflegende Angehörige, die zum Diakonischen Werk Berlin Stadtmitte gehört, zwischen dem 25. Mai und dem 1. Juni mit der sogenannten Woche der pflegenden Angehörigen ein Programm. Die Aktionswoche gibt es seit 2012. Dieses Jahr findet sie zum siebten Mal statt. Geplant sind unter anderem eine Schiffsfahrt, ein Fest mit Livemusik und Tanz, Diskussionsrunden und ein Zirkus-Festival für Kinder, die zu Hause mit einem erkrankten oder pflegebedürftigen Familienmitglied leben. Fast alles ist kostenlos. Am Samstag (25. Mai) findet eine Ehrengala im Roten Rathaus statt, bei der sieben pflegende Angehörige mit dem Berliner Pflegebär ausgezeichnet werden. Schirmherr der Woche ist Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner.
Leistung von pflegenden Angehörigen findet zu wenig Beachtung
Leider findet die Leistung der Pflegenden in der Öffentlichkeit kaum Beachtung, wie die Leiterin der Fachstelle für pflegende Angehörige, Veronika Vahrenhorst, kritisiert. Die Pflege eines nahestehenden Menschen sei für viele selbstverständlich. “Angehörige möchten die Pflege übernehmen, weil Ihnen die Menschen nahestehen und sie sich lieben, wertschätzen und gerne Zeit miteinander verbringen möchten”, sagt Vahrenhorst. Der Verbleib in den eigenen vier Wänden habe zudem eine psychologisch positive Auswirkung. “Aber es bedeutet auch Erschöpfung. Pflege ist oft mit großer finanzieller Belastung verbunden.”
Wolfgang und Angelika Noack leben gerne mit ihrer Tochter zusammen, besuchen gemeinsam den Sohn des Ehepaares und dessen Kinder, verbringen Zeit im Garten, in dem Birgit gerne Blumen gießt. Auch in den Urlaub fahren sie zusammen. “Wir sind reisefreudig. Wenn wir fahren, fährt Birgit mit.” Sie haben den Selbsthilfeverein “Eltern helfen Eltern in Berlin-Brandenburg” gegründet, der Betroffenen zur Vernetzung dient. Nicht zuletzt wegen ihres Alters wollen Angelika und Wolfgang Noack aber bald eine Unterkunft mit betreutem Wohnen für ihre Tochter finden. “Wir können sie nicht immer und ewig pflegen”, sagt Wolfang Noack. “Die Kinder haben dann eben zwei Zuhause.”
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