Stuttgart (dpa/lsw). Mal kurz in der Pause durch Tiktok scrollen, ein Video anschauen oder unter dem Tisch im Klassenzimmer die neuesten Nachrichten lesen – wenn es nach Kultusministerin Theresa Schopper geht, soll damit an den Schulen im Südwesten künftig einheitlich Schluss sein.
Die Grünen-Politikerin will die private Nutzung von Smartphones einschränken. Was ist genau geplant und was muss man dazu wissen? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten:
Was soll sich ändern?
Das Kultusministerin plant eine Änderung des Schulgesetzes, mit der die Schulen im Land verpflichtet werden sollen, sich eigene Regeln im Umgang mit Smartphones zu geben. Wie genau die Regeln aussehen sollen, sagte die Ministerin nicht. Details müssten nun erarbeitet werden, teilte ein Sprecher mit. Die Regeln müssten aber die Altersangemessenheit berücksichtigen – etwa an beruflichen Schulen, wo Erwachsene unterrichtet würden.
Die Neuregelung will Schopper relativ schnell umsetzen und noch in eine ohnehin geplante Änderung des Schulgesetzes einbauen, sagte ein Sprecher. Das solle noch vor der Sommerpause passieren.
Wie ist die Regelung bisher?
Bislang können sich die Schulen eigene Regeln zum Umgang mit Smartphones geben. Das können sie über die sogenannte Schulordnung machen – und nach Einschätzung der Bildungsgewerkschaft GEW tun das viele Schulen bereits. „Ich war bislang in keiner Schule, die bei dem Thema noch keine klaren Regeln formuliert hat“, sagte GEW-Landeschefin Monika Stein der dpa. Halten sich Schülerinnen und Schüler nicht an die Regeln, kann das Gerät eingezogen werden – es muss aber nach dem Unterricht wieder zurückgegeben werden.
Das Robert-Mayer-Gymnasium (RMG) in Heilbronn vertraut etwa schon seit vielen Jahren auf ein Handyverbot in den Klassen fünf bis zehn. Erlaubt sind die Geräte nur, wenn sie sinnvoll im Unterricht genutzt werden. „Wir sind komplett mit schuleigenen Tablets ausgestattet, da brauchen wir Handys eigentlich gar nicht“, sagte Schulleiterin Antje Kerdels. Bei Klassenarbeiten müssen die Geräte vorher abgegeben werden. Werde gegen die Regeln massiv verstoßen, werde ein Handy eingezogen und erst nach dem Schultag zurückgegeben.
Wie ist die Lage in anderen Bundesländern?
Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, sind die Regelungen nicht einheitlich. In Schleswig-Holstein ist die private Nutzung an Grundschulen weitgehend verboten. „In den Pausen dürfen digitale Endgeräte nur bei besonderen Anlässen benutzt werden, wenn Lehrkräfte dies ausdrücklich erlauben“, heißt es in einem Erlass des Bildungsministeriums. Das könne bei Änderungen im Stundenplan oder vergessenem Material und Essen der Fall sein. Ungefragt dürfe das Handy bei Notfällen benutzt werden.
Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) hatte im Dezember einen Vorstoß bei dem Thema gemacht und eindeutige Vorgaben in den Ländern oder sogar bundesweit gefordert. Wichtig seien definierte Schutzzonen ohne Smartphones und Klarheit für die Schulgemeinden, hatte er gesagt und angekündigt, dass die Nutzung von Smartphones bei der nächsten Bildungsministerkonferenz, die an diesem Donnerstag und Freitag in Berlin stattfindet, wieder Thema sein werde.
Auf der offiziellen Tagesordnung steht das Thema nach dpa-Informationen nicht. Es wird aber am Rande des Ministertreffens zur Sprache kommen, wie eine Sprecherin von KMK-Präsidentin Simone Oldenburg (Linke), Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, bestätigte. Demnach soll es einen Austausch darüber beim traditionellen Kamingespräch vor der Konferenz geben. Es gehe dabei um die Handynutzung in der Schule, nicht um ein Handyverbot.
Wie regeln andere Länder Handy-Nutzung an Schulen?
In anderen europäischen Ländern sind Verbote bereits Alltag. In Italien, Dänemark, Österreich, den Niederlanden, Griechenland, Frankreich und Großbritannien sind Handys – mit unterschiedlichen Regelungen – bereits weitgehend aus dem Schulalltag verbannt oder entsprechende Regelungen unmittelbar vor der Umsetzung.
Was spricht gegen ein Handy-Verbot?
Die Bildungsgewerkschaft GEW bezweifelt allerdings, dass einheitliche Regeln für den Handy-Umgang erforderlich sind. „Es braucht keine schulgesetzlichen Regelungen“, sagt die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein. Die Schulen hätten die Handynutzung schon auf dem Schirm. “Ich war bislang in keiner Schule, die bei dem Thema noch keine klaren Regeln formuliert hat.“
Auch Schülerinnen und Schüler sind eher skeptisch und halten strengere Regeln je nach Ausgestaltung für falsch oder nur schwer umsetzbar. Vor allem im ländlichen Raum wäre es ein Problem, wenn die Schüler keine Handys mehr mit in die Schule bringen dürften. „Was passiert dann, wenn etwa der Bus ausfällt?“, sagt Joshua Meisel, Vorsitzender des Landesschülerbeirats. Für viele Schüler biete ein Smartphone ein gewisses Sicherheitselement. „Dann kann ich mich bei meinen Eltern oder anderen Verwandten melden.“ Ein Verbot, das Gerät mit in die Schule zu bringen, kann das Ministerium einem Sprecher zufolge aber gar nicht aussprechen.
Wenn man es weiter mitnehmen dürfe, es aber während des Unterrichts abgeben müsse, stelle sich die Frage, wer dafür hafte, dass das Gerät nicht verschwinde.
Welche Argumente sprechen für ein Handy-Verbot?
Studien zeigten, dass allein die Anwesenheit von Smartphones große Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit und Leistungsfähigkeit haben kann, sagt Joachim Bauer, der als Professor für Psychiatrie an der Uni Freiburg lehrte und seit vielen Jahren Lehrkräfte weiterbildet. Die Wissenschaft nenne das Energieabfluss aus dem Gehirn. In Studien habe man Testpersonen leichte bis mittelschwere Rechen- und Schreibaufgaben lösen lassen. „Wenn das Handy außer Reichweite war, hatten die meisten erwartungsgemäß gute Testergebnisse“, erklärt Bauer.
Habe sich das Gerät dagegen im Rucksack am Tisch befunden, seien die Aufgaben bereits deutlich schlechter gelöst worden. „Wenn das Handy abgeschaltet auf dem Tisch lag, reichte allein die pure Präsenz aus, eine massive Minderung der Qualität der Aufgabenerledigung zu verursachen.“ Das bekomme er bei seinen Fortbildungen von Lehrkräften berichtet: Seien Handys im Unterricht präsent, zögen sie Aufmerksamkeit ab.
Kultusministerin Schopper führt zudem weitere negative Folgen wie Cybermobbing und soziale Vereinsamung als Gründe für die strengeren Regeln an. Auch diese Probleme können aus Bauers Sicht mit strengeren Smartphone-Regeln angegangen werden. An Schulen, die es geschafft hätten, den Gebrauch von Handys auch etwa in den Pausen zu verbannen, sehe man, dass die Kinder wieder miteinander reden würden anstatt allein oder gemeinsam Videos auf dem Bildschirm anzuschauen.
Auch von Lehrerverbänden bekommt die Kultusministerin Rückendeckung für ihre Pläne. Es sei zu begrüßen, wenn es klare und einheitliche Regeln von der Schulverwaltung gebe, sagt Gerhard Brand, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). „Bisher müssen die Schulen dies individuell regeln, was regelmäßig zu größeren Diskussionen mit der Schüler- und Elternschaft führt.“
