In der Reha ist das ähnlich: Chronische Krankheiten erfordern von Patienten erhebliche Umstellungen ihrer Lebensgewohnheiten: Menschen, die nie Sport betrieben haben, sollen sich regelmäßig körperlich betätigen, mit dem Rauchen aufhören, sich gesund ernähren. Das schafft man nur, wenn man ein klares und attraktives Ziel vor Augen hat.
Reha-Ziele sind deshalb nicht nur für den Reha-Aufenthalt an sich wichtig – der dauert ja meist nur wenige Wochen. Sie sollen vor allem auch für die Zeit danach motivieren, in der die neuen Verhaltensweisen in den Alltag integriert und stabilisiert werden müssen. Es ist wichtig, die Reha-Ziele langfristig zu verfolgen.
Die Zielvereinbarung mit Rehabilitanden ist keine triviale, sondern eine komplexe Aufgabe, die Training erfordert. In den PARZIVAR-Projekten, die wir zusammen mit Frau Dr. Glattacker von der Sektion Versorgungsforschung und Rehabilitationsforschung (SEVERA) am Universitätsklinikum Freiburg durchgeführt haben, haben wir Trainingskonzepte und Leitfäden zur Reha-Zielarbeit entwickelt und erprobt, übrigens nicht nur für Ärzte, sondern für alle Berufsgruppen, die mit Patienten arbeiten. Der Name PARZIVAR steht für „Partizipative Zielvereinbarung in der Rehabilitation“.
Das PARZIVAR-Konzept sieht vor, dass die Ärzte eine Art Rahmenzielvereinbarung mit den Patienten treffen, in denen wichtige Teilhabeziele der Patienten und übergeordnete Behandlungsziele festgehalten werden. Diese werden dann mit den jeweiligen Therapeuten konkretisiert oder ergänzt.
Dabei geht es dann auch darum, die Wünsche und Ziele der Patienten auf Realisierbarkeit zu überprüfen und realistische Ziele zu erarbeiten. Im PARZIVAR-Konzept nennen wir das Realismus-Check. Dabei schauen sich die Behandler gemeinsam mit den Patienten an, welche Einschränkungen bestehen, ob sie dauerhaft bleiben werden, und – ganz wichtig – wie die Wünsche und Ziele der Patienten dann trotz der Einschränkungen ggf. auf anderen Wegen erreicht werden könnten. Z. B. könnte ein bisher sehr aktiver Sportler Trainerfunktionen übernehmen und so weiter in seinem Verein oder in seiner Sportart eine wichtige Funktion ausfüllen.
Grundlegende Frage ist: Wie ist es jetzt, wie soll es sein und woran erkenne ich eine Verbesserung? Relativ einfach ist das bei Zielen wie „4 Kilo abnehmen“.
Schwieriger ist es bei Zielen wie „weniger Stress haben“. Zunächst müsste man klären, welche Erfahrungen der Patient genau mit „Stress“ meint, in welchen Situationen er diese gemacht hat und woran er eine positive Veränderung festmacht.
Die Ziele sollten mit der Lebenswelt des Patienten und seinen Aktivitäten verknüpft werden und sie sollten dem Patienten wirklich wichtig sein – zum Beispiel „wieder mit den Kindern oder Enkeln Fußball spielen können“.
Wenn man darin Sicherheit gewonnen hat, können die Ziele im Lauf des Trainings und der Reha anspruchsvoller werden, dann hat man Erfolgserlebnisse.
Wir halten die Patienten deshalb dazu an, ihre Aktivitäten zuhause so konkret wie möglich zu planen und zu überlegen, was einen motivieren könnte, welche Hindernisse auftreten könnten und was man tun könnte, um diese zu überwinden.
Konkret würde man sich also Gedanken machen, wie und wann Schwimmen in der Woche möglich ist, was man macht, wenn die Freundin krank oder das Auto in der Werkstatt ist und auf diese Weise Alternativen mitdenken.
Prof. Thorsten Meyer von der Universität Bielefeld hat in seiner MeeR-Studie („Merkmale erfolgreicher Reha-Einrichtungen“, Anm. d. Red.) festgestellt, dass der Erfolg von Reha-Einrichtungen unter anderem davon abhängt, wie überzeugend Reha-Zielarbeit mit Patienten durchgeführt wird und in welchem Maße sie daran beteiligt werden.
Die Rentenversicherung hat mehrere Projekte zu dem Thema gefördert, darunter auch die Erstellung einer Webseite www.reha-ziele.de, auf der man viele nützliche Tipps zum Thema „Reha-Ziel-Arbeit“ finden kann, darunter auch das Manual zum PARZIVAR-Konzept. Hier findet man Anleitungen, wie man die Reha-Vorbereitung unterstützen kann, wie man Ziele konkretisieren und mit der Behandlungsplanung verbinden kann und wie man schließlich die erarbeiteten Ziele zu Hause weiterverfolgen und umsetzen kann. So legt die Reha-Zielarbeit den Grundstein für ein langfristig gesünderes und zufriedeneres Leben.
Vielen Dank für das Gespräch.
