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Vollwertig versus Low-Carb

Jan Karoff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Rehabilitationswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern vergleicht er in einer Studie Effekte der leitliniengemäßen Diabetikerkost und einer kohlenhydratreduzierten Ernährung (Low-Carb). Die Forscher begleiteten Diabetes-Patienten der Klinik Königsfeld der Deutschen Rentenversicherung Westfalen während und nach ihrem Reha-Aufenthalt. Ergebnisse stellte Karoff während des Rehawissenschaftlichen Kolloquiums in Augsburg vor.

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Zucchini, Zwiebeln und Paprika in einem Korb. Bildnachweis: wdv © Lauer. Jan

© Nicht definiert

Vollwertig versus Low-Carb

Ist das ein Freispruch für Fett?
Interviewer
Definitiv.
Jan Karoff
Das gilt auch für kardiologisch vorbelastete Patienten?
Interviewer
Ja, nehmen Sie etwa den Risikofaktor Übergewicht. Die Forschung der letzten Jahre widerlegt klar die geläufige Annahme, wonach uns die Fette dick machen. Auch der angeblich schlechte Effekt auf unsere Cholesterinwerte ist durch die Studienlage nicht gedeckt: Der Einfluss der Nahrungsfette auf unsere Cholesterinwerte im Blut ist wesentlich geringer als lange Jahre angenommen, den größten Teil des im Körper zirkulierenden Cholesterins stellt unser Körper unabhängig von der Ernährung selbst her. Auch für die tierischen Fette kann daher grundsätzlich Entwarnung gegeben werden. Erst kürzlich hat eine amerikanische Kommission der US-Regierung empfohlen, ihre Gesundheitswarnung vor Nahrungsfetten zu kassieren. Auch daran können Sie sehen, dass ein Freispruch für Fett erfolgt. Problematisch bleiben allein die industriell gehärteten Transfettsäuren, die sind wirklich ungesund. Wir finden sie in frittierten Lebensmitteln, Chips, Fertigprodukten und selbst in Müsliriegeln oder Frühstücksflocken.
Jan Karoff
Was war das Ziel der Studie?
Interviewer
Wir wollten untersuchen, was passiert, wenn Diabetes-Patienten sich mit einer Kostform ernähren, die einen reduzierten Kohlenhydrate- und einen erhöhten Fett- und Eiweißanteil aufweist. Spannend war es für uns auch zu sehen, wie die Patienten Low-Carb annehmen. Schließlich widerspricht diese Ernährungsweise ja oft dem Erlernten, wonach Fett ungesund ist und Kohlenhydrate die wichtigste Energiequelle darstellen.
Jan Karoff
Und wie wurde Low-Carb akzeptiert?
Interviewer
Wir haben die Patienten gefragt, wie sie selbst ihre Kostformen bewerten. Es zeigte sich, dass die Patienten Low-Carb für sich deutlich besser bewerteten und auch einen deutlich höheren Erfolg auf ihre Diabetes-Therapie sehen.
Jan Karoff
Sie haben in der Studie auch erhoben, ob die Patienten nach der Reha weiter an ihren Kostformen festhalten.
Interviewer
Richtig: Wir haben den Patienten drei Monate nach der Reha ein Ernährungsprotokoll zugeschickt. Es ist ja immer die Gefahr, dass Patienten nach der Reha in alte Ernährungsmuster zurückfallen. Wir haben allerdings festgestellt, dass vor allem die Low-Carb-Methode von den Patienten besser durchgehalten werden konnte. Sie lagen dichter an den Empfehlungen als die Patienten, die sich nach DGE-Empfehlungen ernähren sollten. Diese haben für eine vollwertige Kost zu viel Fett und Eiweiß und zu wenig Kohlenhydrate zu sich genommen.
Jan Karoff
Neben der Selbsteinschätzung der Patienten haben Sie ja auch medizinische Werte erhoben. Welche Gruppe kam da besser weg?
Interviewer
Wichtig waren für uns die für Diabetes relevanten Blutzuckerwerte. Für die Zeit in der Reha haben wir hier günstige Effekte für beide Ernährungsmethoden feststellen können. Interessant waren die Effekte auf den Langzeit-Blutzuckerwert: Er bildet die Blutzucker-Situation der letzten drei Monate ab. Deswegen geht man davon aus, dass er sich nur langsam ändert. So war zu vermuten, dass er sich im Verlauf einer mehrwöchigen Reha nicht stark ändert. Wir haben jedoch für beide Kostformen signifikante Effekte beobachten können. Dies verdeutlicht das enorme Potenzial der Ernährungstherapie beim Typ-2-Diabetes. Allerdings konnten wir am Studienende nach sechs Monaten nur für die Low-Carb-Gruppe eine statistisch bedeutsame Verbesserung des Langzeit-Blutzuckerwertes feststellen. Gewicht verlieren kann man aber mit beiden Kostformen – hier mit einer leichten aber nicht signifikanten Tendenz pro Low-Carb.
Jan Karoff
Wie wichtig waren da die Schulungen in der Klinik Königsfeld?
Interviewer
Extrem wichtig. Für Patienten, die ihre Ernährung umstellen sollen, ist vieles neu und muss gut erklärt werden. Wichtig ist auch die individuelle Beratung. Es macht einen Unterschied, ob der Patient hart körperlich und in Schicht arbeitet, als Berufskraftfahrer seine Mahlzeiten häufig unterwegs einnimmt oder im Büro am Schreibtisch gearbeitet wird. In der Klinik Königsfeld wird in der Ernährungsberatung jetzt zum Beispiel mit jedem Patienten gemeinsam entschieden, welche Ernährungsform für ihn auch gut in den Alltag und zur Familiensituation passt. Es bringt nichts, etwas zu empfehlen, was der Patient nicht umsetzen will oder kann. Ernährung hat schließlich auch etwas mit Genuss und dem Wohlbefinden zu tun.
Jan Karoff
Sie können also für beide Kostformen ein positives Fazit ziehen?
Interviewer
Ja. Mit Blick auf die Erfolge während der Reha ist es für uns ein erfreuliches Ergebnis, dass wir sagen können, dass man durch beide Kostformen viel bewirken kann. Wichtig ist, dass sich Patienten Gedanken über ihre Ernährung machen und bewusst handeln, wenn es darum geht, den täglichen Hunger oder den spontanen Appetit unterwegs zu stillen. Hier ist die Wissensvermittlung durch eine versierte Ernährungsberatung hilfreich, um im Ernährungsalltag gesunde Entscheidungen für sich selbst treffen zu können.
Jan Karoff
Was können wir bereits heute tun, um uns gesünder zu ernähren?
Interviewer
Dazu gehört neben dem Essen auch das Trinken: Meiden Sie gezuckerte Heißgetränke und Softdrinks. Bei den Mahlzeiten sollte man sich von den Weißmehlprodukten zurückhalten und auch süße Snacks und kohlenhydratlastige Zwischenmahlzeiten vermeiden. Alle diese Lebensmittel wirken ungünstig auf Blutzucker- und Insulinspiegel. Dadurch verstärken sie das Hungergefühl, lösen gar Heißhunger aus. Ein konstanter Blutzuckerspiegel ist demgegenüber eine ideale Basis für einen entspannten Umgang mit der eigenen Ernährung.
Jan Karoff

Mehr Informationen

  • www.uni-wh.de
    Internetseite des Lehrstuhls für Rehabilitationswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke
  • www.klinik-koenigsfeld.de
    Internetseite der Rehaklinik Königsfeld der Deutschen Rentenversicherung Westfalen.

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