Brüssel (dsv/sth). Die Arbeitsmarktrisiken älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und deren oft besonderen Probleme auf der letzten Berufsetappe vor der Rente sind schon lange im Blickfeld von Politik und Wissenschaft. Sehr wenige Untersuchungen haben sich dagegen bisher mit der Frage befasst, wie sich die Arbeitsmarktrisiken junger Menschen und die Rentenreformen der letzten Jahre auf deren erst in einigen Jahrzehnten bedeutsame Alterssicherung auswirken. Dieser Fragestellung ist jetzt die EU-Studie „Youth Employment Insecurity and Pension Adequacy“ nachgegangen.
Insbesondere Beschäftigte „jenseits der Kernbelegschaften“, zum Beispiel jüngere Arbeitnehmer, sehen sich der Studie zufolge immer größeren Flexibilitätsanforderungen ausgesetzt. Diese gingen zunehmend einer sogenannten atypischen Beschäftigung nach, etwa einer Plattformarbeit, oder sie hätten einen befristeten Job. Auch sei ihre Erwerbssituation zunehmend unsicherer geworden, heißt es in dem Papier. So sei in den vergangenen Jahren bei jungen Beschäftigten der Anteil befristeter Beschäftigungsverhältnisse gestiegen. Zudem sei das Arbeitslosigkeitsrisiko junger Erwachsener seit der Wirtschafts- und Finanzkrise „auf einem hohen, weit überdurchschnittlichen Niveau“.
Trend zu größerer Beitragsäquivalenz
Die Studienautorinnen und -autoren betonen, die meisten einkommensabhängigen Rentensysteme seien so konzipiert, dass volle, angemessene Rentenleistungen nur bei ununterbrochener, besonders Vollzeitarbeit während des gesamten Erwerbslebens gewährt werden. Wegen des demografischen Wandels sei in den vergangenen Jahren die Beitragsäquivalenz, also der Bezug zwischen Rentenbeiträgen und -leistungen, in den meisten europäischen Ländern gestärkt worden. Diese Reformen seien „explizit auch mit dem Ziel durchgeführt worden, Anreize für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen zu schaffen“, heißt es weiter.
Der Zugang zu Beschäftigung habe sich für junge Erwachsene erschwert und Phasen atypischer Beschäftigung sowie unsicherer Erwerbssituation hätten deutlich zugenommen, schreiben die Autoren. Dies wirke sich auch auf deren Einkommenssituation aus. Gleichzeitig werde die zusätzliche private, meist freiwillige Altersvorsorge „gerade für heutige junge Erwachsene immer wichtiger“. „Die Beiträge in der Publikation zeigen, dass diese Anforderungen die junge Erwachsenen überfordern“, kommentiert das Europabüro der Deutschen Sozialversicherung (DSV) in Brüssel die Studienergebnisse. Zwar werde Alterssicherung von den jungen Beschäftigten „durchaus als wichtig wahrgenommen“. Ersparnisse könnten von den Berufseinsteigern aber nur im geringen Umfang aufgebaut werden, so die Studie.
Erheblicher Reformbedarf für junge Erwachsene beim Zugang zum Sozialschutz
Das Fazit der Studie: Die Autorinnen und Autoren sehen erheblichen Reformbedarf für junge Erwachsene beim Zugang zum Sozialschutz im Arbeitsmarkt und formulieren konkrete Forderungen für eine bessere Absicherung in der Rentenversicherung. So müsse der Zugang zum Sozialschutz auch in atypischen Beschäftigungsformen gewährt werden. Zudem dürfe die betriebliche Altersvorsorge nicht auf die sogenannte Kernbelegschaft beschränkt werden, heißt es. Außerdem solle in Zukunft auch für Zeiten der Arbeitslosigkeit „ein ausreichendes Mindestbeitragsniveau gewährleistet werden“.
Eine Forderung, die für junge deutsche Beschäftigte angesichts des stabilen Arbeitsmarkts hierzulande derzeit kaum relevant sein dürfte. Immerhin zahlt die Bundesagentur für Arbeit Bezieherinnen und Beziehern von Arbeitslosengeld Rentenbeiträge auf der Grundlage von 80 Prozent des früheren Verdiensts.
