Berlin/Frankfurt am Main (sth). Sie stand noch auf der Agenda der Ampel-Koalition - die Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge. Doch zu einer gesetzlichen Umsetzung des erst Ende September vom Bundesfinanzministerium vorgelegten Entwurfs für ein Nachfolgeprodukt der umstrittenen Riester-Rente kam es bekanntlich nicht mehr: Das Bündnis von SPD, Grünen und Liberalen zerbrach nur wenige Wochen später. Jetzt dürfte die seit Jahren geforderte Altersvorsorgereform auf den Schreibtischen der künftigen Bundesregierung landen.
Einer der umstrittensten Punkte, die vor der Veröffentlichung des Lindner-Entwurfs von Fachleuten und Politik diskutiert wurden, war die Auszahlung des von den Bürgerinnen und Bürgern angesparten Vorsorgekapitals: Darf man über sein - mit staatlicher Hilfe aufgebautes - Vermögen im Alter nach eigenen Wünschen verfügen, zum Beispiel mithilfe eines Auszahlplans? Oder soll - wie bei der gesetzlichen Rente - lebenslang eine monatliche Zahlung auf das eigene Konto fließen? Eine Frage, die auch von der für die Reform eingesetzten Expertenkommission unterschiedlich beantwortet wurde.
Viele Menschen unterschätzen ihre Lebenserwartung
Eine der Parteien, die sich in der Diskussion vehement für eine lebenslange Rentenzahlung ausgesprochen hatte, war der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV). Eines seiner zentralen Argumente: Viele Menschen unterschätzen ihre Lebenserwartung - und könnten deshalb bei der Wahl zwischen einem frei verfügbaren Auszahlplan und einer (lebenslang gezahlten) Rente aus Unkenntnis die falsche Entscheidung treffen. Eine Einschätzung, die auch von drei Wissenschaftlern in einer bisher wenig bekannten, im Auftrag des GDV erstellten Studie geteilt wird.
Demnach mache der weitgehende Verzicht privater Versicherungsgesellschaften auf eine vom individuellen Gesundheitszustand abhängige Auszahlung “den Abschluss einer lebenslangen Rente für Menschen mit schlechterem Gesundheitszustand unattraktiv”, schreiben die Forscher von der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Hohenheim. Deshalb würden Rentenversicherungen eher von Menschen mit überdurchschnittlicher Lebenserwartung gekauft. Und: Die vielfach kritisierte, (zu?) vorsichtige Kalkulation der Versicherer könne Renten als “zu teuer erscheinen lassen, wenn der Fokus nur auf der garantierten Rente … anstatt auf einer realistisch zu erwartenden Rente inklusive Überschussbeteiligung liegt”, heißt es in der Studie.
Es sei zu befürchten, dass “sich im Falle der Wahlmöglichkeit viele Menschen für einen Auszahlungsplan entscheiden werden, obwohl dieser bei rationaler Betrachtung … weniger gut geeignet ist", so die Wissenschaftler. Sie schlagen deshalb vor:
- Um die Angst vor mangelnder Flexibilität und vollständigem Kapitalverlust bei vorzeitigem Tod zu begrenzen, sollten in erster Linie Rentenversicherungen mit Todesfallleistungen angeboten werden, die bei frühem Tod eine zusätzliche Leistung an Hinterbliebene vorsehen;
- Um das Renditepotenzial zu erhöhen, ohne die dauerhafte Absicherung des Lebensstandards aufzugeben, “sind Produkte wünschenswert, die zwar eine lebenslange Rentenzahlung garantieren, bei denen die Höhe der garantierten Rente aber moderat abgesenkt wird und die tatsächliche Rentenhöhe auch schwanken darf”.
- Auch aufgeschobene Renten mit spätem Rentenbeginn - etwa im Alter von 75 oder 80 Jahren - sollten möglich sein.
- Beim Renteneintritt sollten die Vorsorgesparer über die Vor- und Nachteile von Auszahlplänen und Renten “transparent informiert werden” - Insbesondere über das Risiko, bei der Wahl eines Auszahlplans den Lebensstandard im hohen Alter signifikant einschränken zu müssen.
In jedem Fall sollte bei der staatlich geförderten Altersvorsorge auch künftig eine Verrentung zumindest Teil einer Standardoption sein, fordern die Altersvorsorgeforscher. Es sei jedenfalls davon auszugehen, dass sich bereits deutlich mehr Menschen für eine lebenslange Rente entscheiden würden, wenn man dieser Option “aktiv widersprechen muss, sofern man eine andere Wahl für besser hält”.
