München (tö). Noch immer verkaufen Banken hochriskante Zertifikate an Rentner und andere ältere Menschen, obwohl diese Wertpapiere für sie meist nicht geeignet sind. Darunter war nun auch eine 80-jährige Kundin einer Sparkasse. Das berichtet der Fondsvermittler Envestor. Im Gefolge der Finanzkrise 2008 hatten bereits zehntausende Bankkunden in Deutschland Erspartes verloren, weil ihnen Bankberater vorher Zertifikate der US-Pleitebank Lehman Brothers verkauft hatten. Darunter waren, wie eine Befragung der Hamburger Verbraucherzentrale ergab, viele Kunden und Kundinnen 60 Jahre und älter. Trotzdem laufen inzwischen die Geschäfte mit Zertifikaten wieder sehr gut. „Der Vertrieb von komplexen und riskanten Zertifikaten boomt wieder“, stellte die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg fest.
Zertifikate sind rechtlich betrachtet eine Inhaberschuldverschreibung, deren Wertentwicklung sich an einem Basiswert orientiert, also einem Aktienindex wie dem Dax, dem Kurs einer Aktie oder dem Preis eines Rohstoffes wie Gold oder Öl. Anlegerinnen und Anleger leihen mit einem Zertifikat also einer Bank Geld. Was sie davon zurückbekommen, ob sie Geld verdienen oder verlieren, hängt von der Entwicklung des Basiswertes ab. Dass Anleger dabei ein erhebliches Börsenrisiko eingehen, werde aber „nicht sofort deutlich“, warnt die Stiftung Warentest.
„Wahre Kunstwerke der Verschachtelung“
Viele Zertifikate seien „wahre Kunstwerke der Verschachtelung. Ihre Verzinsung oder Fälligkeit ist an zig Bedingungen geknüpft, die die meisten Anleger völlig überfordern.“ Auch gebe es viele „versteckte Kosten“. So blieben „Dividenden bei Zertifikaten, die sich auf Aktien oder Börsenindizes beziehen, oft beim Anbieter“, kritisieren die Warentester.
Die Banken stellen bei ihrer Werbung für die Zertifikate oft hohe Zinsen von sechs, sieben, acht oder mehr Prozent in Aussicht. So war es auch bei der 80-jährigen Sparkassenkundin. Sie verlangte im Beratungsgespräch Anfang 2022 „Zinsen“. Der Berater legte ihr daraufhin acht verschiedene Zertifikate ins Wertpapierdepot, das ein Experte von Envestor analysierte. Demnach machten die Zertifikate zum Start 80 Prozent des Depotvolumens aus, „Diversifikation sieht anders aus“, urteilte Envestor und spricht von einer „eklatanten Falschberatung“. Mittlerweile wiesen drei der Zertifikate mittlere zweistellige Verluste von bis zu 35 Prozent auf, vier liegen leicht im Minus, ein Zertifikat verzeichnete Kursgewinne von 20 Prozent, so die Analyse.
Der Fall erinnert an den massenhaften Verkauf von Zertifikaten der US-Bank Lehman Brothers, die in der Finanzkrise Insolvenz anmelden musste. Sparkassen und mehrere Banken hatten etwa 50.000 Anlegenden in Deutschland die Papiere verkauft – nicht zuletzt an viele AD-Kunden. Das „A“ steht dabei für alt, das „D“ für doof – so nannten die Banker ältere, gutgläubige Kunden, denen sie die Papiere andrehen konnten.
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