Soziales / 20.04.2020

Wie Selbstständige die Kosten für die Krankenversicherung senken

Viele Selbstständige geraten in der Corona-Krise auch durch ihre Krankenversicherungsbeiträge in Not. Das betrifft sowohl gesetzlich als auch privat Versicherte. Was Sie jetzt tun können.

Wie Selbstständige die Kosten für die Krankenversicherung senken. – Junge Frau im Homeoffice schaut nachdenklich auf ihren Laptop.

Inhalt

Ich bin gesetzlich krankenversichert und kann nicht zahlen. Was kann ich tun?

Auch wenn Sie den Beitrag derzeit nicht zahlen können, sollten Sie zunächst möglichst schnell eine Beitragssenkung beantragen. Ihr Beitrag richtet sich vor allem nach dem Gewinn, der in Ihrem letzten Steuerbescheid ausgewiesen ist. Gegebenenfalls spielen auch weitere Einnahmen, etwa aus Vermietung und Verpachtung eine Rolle.

Bei einem plötzlichen Gewinneinbruch von mehr als 25 Prozent im Vergleich zum letzten Einkommensteuerbescheid können Selbstständige den Beitrag zur Krankenversicherung und Pflegeversicherung unter Vorbehalt senken.

Welche Unterlagen muss ich der Krankenkasse vorlegen?

Normalerweise müssen Sie dafür einen geänderten Vorauszahlungsbescheid des Finanzamtes vorgelegen. In der Corona-Krise wurden die Hürden für den Nachweise einer unverhältnismäßigen Belastung durch die bisherigen Beiträge gesenkt. Nun reicht auch ein Schreiben des Steuerberaters und gegebenenfalls auch eine glaubhafte Erklärung von Ihnen selbst. Einzelheiten sollten Sie mit ihrer Krankenkasse abklären.

Wie weit kann der Krankenkassenbeitrag gesenkt werden?

Der Beitrag wird derzeit mindestens auf einer Bemessungsgrundlage von 1.061,67 Euro erhoben. Auf dieser Mindest-Grundlage ergibt sich ein Gesamtbeitrag für die Kranken- und Pflegeversicherung von rund 200 Euro.

Ich kann auch den Mindestbeitrag derzeit nicht schultern.

Auch dann sollten Sie zunächst sofort eine Beitragssenkung beantragen. Zusätzlich können Sie um eine Stundung des gesenkten Beitrags bitten. Das ist derzeit in der Regel möglich. Die AOK Plus hat beispielsweise erklärt, dass Stundungen derzeit bis Ende September möglich sind.

Doch beachten Sie: Die Abrechnung kommt später. Sobald Sie den nächsten Steuerbescheid erhalten, müssen Sie ihn der Kasse vorlegen. Der Beitrag wird dann endgültig bestimmt nach dem Gewinn, den Sie in diesem Jahr erzielt haben. Das sind dann wieder mindestens rund 200 Euro im Monat.

Kann ich als Selbstständiger auch Arbeitslosengeld II beantragen?

Ja, das galt auch bisher schon. Doch die Corona-Krise bringt für Selbstständige erleichterte Voraussetzungen. Ein Antrag auf Arbeitslosengeld II lohnt sich oft schon allein wegen des Beitrags zur Kranken- und Pflegeversicherung.

Bei manchen kleinen Selbstständigen reicht das Einkommen derzeit gerade noch, um Miete und den täglichen Bedarf zu decken, aber nicht für die Versicherungsbeiträge. Auch in dem Fall lohnt sich der Weg zum Jobcenter. Denn wenn das Amt prüft, ob ein Anspruch auf ALG II besteht, werden auch die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung berücksichtigt. Möglicherweise werden so die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung voll übernommen. Das ist gegenüber der Stundung der Beiträge durch die Krankenkasse immer die günstigere Lösung.

Habe ich auch bei Zahlungsverzug weiter Anspruch auf Leistungen?

Egal ob Beiträge abgesenkt oder gestundet werden: An Ihrem Leistungsanspruch ändert dies nichts. Dies gilt auch dann, wenn eine Entscheidung über die Stundung von Beiträgen angesichts der aktuellen Überlastung auch der Krankenkassen erst verspätet erfolgt.

Ich bin privat krankenversichert und kann den Beitrag nicht zahlen.

Bei Zahlungsschwierigkeiten sollten Sie in jedem Fall sofort Kontakt mit Ihrer privaten Krankenversicherung (PKV) aufnehmen. Warten Sie nicht, bis Sie mit der Zahlung in Verzug geraten. Denn nach einem zweimonatigen Beitragsrückstand kann der Versicherer eine erste Mahnung aussprechen. Er darf dann nicht nur die ausstehenden Beiträge fordern, sondern auch einen Säumniszuschlag und Mahngebühren in Rechnung stellen. Später droht die Ruhendstellung Ihres Vertrags und die Überführung in den Notlagentarif der PKV.

Kann ich wegen meines gesunkenen Einkommens den Beitrag senken?

Nein, das funktioniert in der PKV nicht. Die Beitragshöhe hängt nicht von Ihrem Einkommen, sondern von den vereinbarten Leistungen ab. Sie können zwar Geld sparen, wenn Sie den Vertrag anpassen und auf Leistungen verzichten. Doch das ist bei einer vielleicht nur kurzfristigen Notsituation selten sinnvoll.

Sprechen Sie Ihre Versicherung auf eine Beitragsstundung an. Sie ist zwar dazu nicht verpflichtet. Dennoch gibt es gute Chancen auf ein Entgegenkommen.

Lohnt sich für mich als privat Versicherter ein Antrag auf Hartz 4?

Das kann gut sein. Das Sozialgesetzbuch sieht einen Zuschuss zur privaten Krankenversicherung vor, der durchaus einige Hundert Euro betragen kann. Sie können den Zuschuss vom Jobcenter auch dann bekommen, wenn Ihr eigenes Einkommen nach den Maßstäben bei Hartz 4 noch ausreicht, aber die Beiträge zur privaten Krankenversicherung eine zu schwere Belastung wären.

Welche Regeln gelten für den Zuschuss zur privaten Krankenversicherung?

Möglicherweise müssen Sie in den Basistarif der PKV wechseln, dessen Leistungen in etwa denen der gesetzlichen Krankenversicherung entsprechen. Dabei wird dann auch der private Versicherer in die Verantwortung genommen.

Wenn das Jobcenter einen Zuschuss zahlt, darf die private Krankenversicherung im Basistarif nur noch die Hälfte des Beitrags berechnen. 2020 beträgt die monatliche Prämie zum Basistarif der PKV maximal 735,94 Euro. Das Jobcenter übernimmt also maximal 367,97 Euro als Krankenversicherungsbeitrag. Wenn Sie ALG II beziehungsweise den Zuschuss zur Krankenversicherung beantragen, müssen Sie die Höhe des für sie geltenden Basistarifs nachweisen. Auf dieser Grundlage wird dann der Zuschuss des Jobcenters berechnet.

  • Zunächst müssen Sie sich vom Jobcenter dort bescheinigen lassen, dass auf Grundlage des normalen Beitrags Hilfebedürftigkeit nach dem zweiten Sozialgesetzbuch bestehen würde.
  • Mit dieser Bescheinigung geht’s dann zur Krankenversicherung, die dann die Höhe des Beitrags im (halben) Basistarif bescheinigen muss.
  • Mit der PKV-Bescheinigung gehen Sie wieder zum Jobcenter.

Muss ich für den einen Zuschuss in den Basistarif wechseln?

Nein. Allerdings übernimmt das Jobcenter dann maximal die Höhe des Beitrags im Basistarif.

Beispiel Zuschuss zur PKV

Ihr monatlicher Beitrag beläuft sich auf 400 Euro. Sie beantragen beim Jobcenter Arbeitslosengeld II beziehungsweise einen Zuschuss zum Krankenversicherungsbeitrag. Ihr Versicherer bescheinigt Ihnen, dass die monatliche Prämie in Ihrem Basistarif 580 Euro beträgt. Die Hälfte davon sind 290 Euro. In diesem Fall leistet das Jobcenter auch maximal einen Zuschuss in Höhe von 290 Euro.

Wenn Sie davon ausgehen, dass Sie nur eine kurze Zeit auf Leistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch angewiesen sind, können Sie sich dafür entscheiden, den Differenzbetrag selbst aus Ihren Rücklagen zu tragen. Solche Rücklagen sind auch für ALG-II-Bezieher in gewissem Maße erlaubt.


Was gilt, wenn mein Versicherungsbeitrag niedriger ist als der Beitrag im halben Basistarif?

Dann können Sie in Ihrem gewählten Tarif weiterhin versichert bleiben. Das Jobcenter übernimmt dann aber nicht den für Sie fiktiv geltenden Beitrag halber Basistarif, sondern den Beitrag, den Sie tatsächlich Ihrem Versicherungsunternehmen schulden.

Wichtig: In diesem Fall erkennen die Jobcenter den vollen Versicherungsbeitrag an. Es werden nicht etwa Leistungsbestandteile herausgerechnet, die über die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung hinausgehen, etwa Chefarztbehandlung.

Gelten die Regelungen auch für die private Pflegeversicherung?

Ja. Hier beiträgt der gesetzliche Höchstbeitrag derzeit monatlich 154,68 Euro für Kinderlose. Die Hälfte davon sind 77,34 Euro. So viel übernimmt das Jobcenter als Beitrag maximal. Auf diesen Beitrag müssen private Versicherer die monatlich erhobene Prämie absenken, wenn ansonsten Hilfebedürftigkeit nach dem SGB II eintreten würde.

Trifft all das auch für privat versicherte Familienangehörige zu?

Ja. Für jedes Mitglied der Bedarfsgemeinschaft – gegebenenfalls also auch für Ihren Ehe- beziehungsweise Lebenspartner und für Kinder.

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Autor

Rolf Winkel