Berlin (dpa). Obwohl es 33 Reformvorschläge waren, welche die Alterssicherungskommission am 23. Juni vorgestellt hatte, gerät ein Aspekt derzeit immer stärker ins Blickfeld: Das Ende des abschlagsfreien Renteneintritts für langjährig Versicherte ab 45 Versicherungsjahren. Dieses Modell ist als „Rente mit 63“ landesweit bekannt, wobei mittlerweile ein Ausstieg aus dem Beruf nach 45 Beitragsjahren erst mit 64,5 Jahren möglich ist.
Die Option „Schutzrente"
Um den gordischen Knoten zwischen einem Festhalten an allen Punkten einerseitz und dem Unmut unter SPD-Politikern und ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten zu lösen, hat Thüringens Sozialministerin Katharina Schenk (SPD) den Blick auf die sogenannte Schutzrente gerichtet: Der Entwurf der Alterssicherungskommission sieht vor, dass Menschen im rentennahen Alter, die wegen gesundheitlicher Einschränkungen ihren Beruf nicht mehr ausüben können, früher in eine neue Schutzrente für langjährige Beitragszahler gehen dürfen. Dabei soll es eine individuelle Gesundheitsprüfung geben. Diese Schutzrente sei bislang nur angerissen und nicht konkret beschrieben worden, sagte Schenk. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir diese Schutzrente wirklich an der Lebensrealität ausgestalten. Und da muss man ganz besonders sich vor Augen halten, dass es momentan so ist, wer körperlich hart arbeitet, nimmt Abschläge in Kauf.“ Es brauche wissenschaftliche Indikatoren dafür, wer Anspruch darauf haben könne.
Die Option „Schwerarbeit“ wie in Österreich
Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Dirk Wiese, hat unterdessen Ausnahmen für „Schwerarbeit“ nach österreichischem Vorbild vorgeschlagen. Dort ist eine vorzeitige Pensionierung für Menschen möglich, die unter schwerer körperlicher oder psychischer Belastung gearbeitet haben. Dazu gehören etwa nächtliche Schichtdienste, Arbeit bei Hitze oder Kälte, Tätigkeiten mit Chemikalien oder schwere körperliche Arbeit.
Warnung vor Änderungen des Reformpaketes
Der Wirtschaftsweise Martin Werding plädiert weiterhin für eine Abschaffung der umstrittenen Regelung. Sie komme oft Menschen zugute, die überdurchschnittlich gesund seien und überdurchschnittlich hohe Renten hätten. „Meine Sorge ist, dass die Politik das gesamte Rentenpaket aufschnürt, wenn sie einen Baustein rausnimmt. Dann werden die Reformpläne wie Dominosteine fallen, und der Kanzler kann die große Reform begraben“, sagte Werding der „Rheinischen Post“. Merz müsse verhindern, dass die Rentenreform in der Sommerpause zerredet werde.
Die Experten der Alterssicherungskommission, der Werding angehörte, haben eine Härtefallregelung für Versicherte vorgeschlagen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur Regelaltersgrenze arbeiten können. Außerdem verweisen sie darauf, dass es Vertrauensschutz für Menschen geben muss, die kurz vor dem Ruhestand stehen. Konkrete Vorschläge zwar machen sie nicht, plädieren aber für ein Ende der abschlagsfreien Frührente „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“.
Mehrheit der Bürger gegen Abschaffung
In einer Umfrage spricht sich hingegen eine deutliche Mehrheit der Menschen in Deutschland gegen die geplante Abschaffung der „Rente mit 63“ aus. In der Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Insa für die „Bild am Sonntag“ lehnen 68 Prozent der Befragten ein Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren ab, nur 24 Prozent befürworten es. 8 Prozent machten keine Angabe.
Zugleich zeigt die Umfrage den Angaben zufolge, dass die Frührentenregelung für viele persönlich relevant ist: 56 Prozent der Befragten gaben an, selbst von der „Rente mit 63“ Gebrauch machen zu wollen oder dies bereits getan zu haben. 32 Prozent verneinten dies. 12 Prozent machten keine Angabe. Für die „Bild am Sonntag“ hat das Meinungsforschungsinstitut Insa 1.005 repräsentativ ausgewählte Personen am 6. und 7. August2026 befragt.
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