München (tö). Die Krise bei den offenen Immobilienfonds hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Nach der Schließung des Fonds „Wohnselect“ des Anbieters Wertgrund nimmt nun auch die Fondsgesellschaft Industria keine Anteile mehr an ihrem offenen Immobilienfonds „Fokus Wohnen Deutschland“ zurück. Die liquiden Mittel reichten nicht mehr aus, um weitere Rückgaben zu bedienen, teilte Industria mit. Nach dem Gesetz kann eine solche Schließung bis zu drei Jahre dauern. So lange kommen Anlegende nicht an ihr Erspartes heran.
Die Fondsgesellschaft Industria verwies auf die „abrupte Zinswende“ im Jahr 2022 und deren Folgen für den Immobilienmarkt. Da auch andere Anlageformen durch den Zinsanstieg wieder attraktiver geworden seien, sei viel Geld aus dem Fonds geflossen. Erst Mitte Januar hatte der offene Immobilienfonds „Wertgrund Wohnselect D“ vorerst „dicht gemacht“.
Bei kleinen Fonds drohen weitere Schließungen
Beide Fonds sind vergleichsweise klein mit einem eher geringem Fondsvolumen und einer geringen Vertriebspower. Das macht es schwieriger, Altkunden und Kundinnen auszuzahlen und neue Anleger zu gewinnen. Sonja Knorr, Immobilienexpertin bei der Ratingagentur Scope, hielt die Schließung des „Wertgrund Wohnselect D“ deshalb für vernünftig: „Die Alternative wäre gewesen, Immobilien unter Wert zu verkaufen, was die Anleger nachhaltig geschädigt hätte“, sagte sie dem „Handelsblatt“. Der Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Mark Branson, hatte bereits davor gewarnt, „dass wir weitere Schließungen unter den kleinen Fonds sehen werden“.
Größere Fonds hingegen hätten mit ihren milliardenschweren Immobilien-Portfolios mehr Möglichkeiten, Liquidität zu schaffen, um Kunden und Kundinnen innerhalb der bestehenden Kündigungsfristen auszuzahlen. Nach Angaben des Beratungsunternehmens Barkow Consulting haben die etwa 30 in Deutschland zum Vertrieb zugelassenen offenen Immobilienfonds seit August 2023 bereits mehr als 13 Milliarden Euro an Kundengeld verloren. Das Neugeschäft ist quasi zum Erliegen gekommen, was die Immobilienfonds in die finanzielle Bredouille bringt, wenn sie nicht in ausreichendem Umfang und nicht schnell genug Immobilien verkaufen und zu Geld machen können, um abtrünnige Kunden auszahlen zu können.
Was Anleger tun können, die mit Immobilienfonds Geld verloren haben
- Rechtlich können Anlegende gegen eine vorübergehende Fondsschließung nichts tun. Wenn der Fonds nicht liquide genug ist und wird durch eine Auszahlung der Anleger die Existenz des Fonds gefährdet, kann die Kapitalanlagegesellschaft die Auszahlung verweigern, um Anleger vor noch höherem Verlust ihrer Einlage zu schützen.
- Beruht der Erwerb von Fondsanteilen nachweislich auf einem Beratungs- oder Prospektfehler, können Geschädigte Schadensersatzansprüche geltend machen und so ihr investiertes Geld zurückerhalten. Ob dies der Fall ist, können idealerweise auf Kapitalmarktrechte spezialisierte Anwälte prüfen.
- Seit 2013 müssen Privatanleger Anteile an offenen Immobilienfonds zwei Jahre halten, die Kündigungsfrist beträgt ein Jahr. Diese ohnehin eingeschränkten Rückgabemöglichkeiten lassen sich umgehen, falls es gelingt, die Fondsanteile an der Börse zu verkaufen. Dies klappt aber nur, wenn andere Anleger bereit sind, die Anteile zu übernehmen. Hinzu kommt: Da die Kurse der Fonds gefallen ist, ist ein Verkauf an der Börse womöglich mit (hohen) Verlusten verbunden. Wer seine Anteile kündigen kann und will, weiß allerdings auch nicht, wie viel Geld es ein Jahr später zurückgibt. Das hängt davon ab, auf welchem Niveau sich die Kurse dann bewegen.
