Rente / 11.05.2020

Rente für Selbstständige: Wenn der Beitrag zur Belastung wird

Auch auf die Altersvorsorge von Selbstständigen wirkt sich die Corona-Krise aus. Wenn Einkommen wegbricht, bleibt auch für die Rente kaum noch etwas übrig. Was tun?

Mann sitzt im Homeoffice am Schreibtisch und schaut in die Kamera.

Inhalt

Wenn Sie als Selbstständiger in der Rentenversicherung pflichtversichert sind, haben Sie mindestens drei Möglichkeiten, die Kosten für Ihre Altersvorsorge zu drücken.

  • Rentenbeiträge senken, indem Sie die Sozialklausel nutzen.
  • Arbeitslosengeld 2 beantragen. Das Jobcenter übernimmt – soweit sie Anspruch auf ALG 2 haben – faktisch auch die Pflichtbeiträge in die Rentenkasse. Sie werden aber wohl vom Jobcenter aufgefordert, die Beiträge durch Nutzung der Sozialklausel zu senken.
  • Stundung der Rentenbeiträge beantragen.

Rentenbeitrag stunden – wie geht das?

Sie wenden sich unter Hinweis auf die Corona-Pandemie formlos an Ihren Rentenversicherungsträger  und beantragen eine Aussetzung der laufenden Beitragszahlung. Das geht schriftlich, auf elektronischem Weg oder auch telefonisch über das kostenlose Servicetelefon unter der Nummer 0800 1000 4800. Die Beitragszahlung kann so bis zum 31. Oktober 2020 ausgesetzt werden.

Zahlen müssen Sie die Beiträge aber schließlich doch. Denn bei einer Stundung gilt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Rentenbeitrag senken – wie geht das?

Sie können eine Anpassung Ihres Rentenbeitrags an Ihr aktuelles, niedrigeres Einkommen beantragen.

Voraussetzung: Ihr laufender Gewinn aus selbstständiger Tätigkeit, das Arbeitseinkommen, ist voraussichtlich um wenigstens 30 Prozent niedriger als das Arbeitseinkommen, nach dem bislang die Rentenversicherungsbeiträge bemessen wurden. Diese so genannte Sozialklausel findet sich in Paragraph 165 Absatz 1a des sechsten Sozialgesetzbuchs.

Ausnahme: Wenn Sie bislang bereits Pflichtbeiträge in Höhe des Mindestbeitrages gezahlt haben, findet die Sozialklausel keine Anwendung. Sie dürfen nicht weniger zahlen als den monatlichen Mindestbeitrag von derzeit 83,70 Euro.

Rentenbeitrag senken: Welche Belege sind nötig?

Normalerweise müssen Sie hierfür Belege wie einen geänderten Steuervorauszahlungsbescheid vorlegen. In der derzeitigen Krisensituation wird in der Regel auch eine Ihre eigene gewissenhafte Schätzung des Arbeitseinkommens akzeptiert. Hierauf ist, so heißt es in den Weisungen der Rentenversicherung, als letzte Möglichkeit zurückzugreifen, wenn der „Nachweis“ nicht anderweitig geführt werden kann.

Einkommen auf Steuerbescheid doch höher – muss ich nachzahlen?

Sie müssen nichts nachzahlen, falls der Steuerbescheid für dieses Jahr doch ein höheres Einkommen zeigt als von Ihnen geschätzt. Der Steuerbescheid ist dann nur für die künftigen Beiträge maßgebend. „Das Beitragsrecht der versicherungspflichtig selbstständig Tätigen kennt keine Spitzabrechnung für die Vergangenheit“, erklärt Tanja Mahel von der Deutschen Rentenversicherung Bund.

Rentenbeitrag immer noch zu hoch – was tun?

Wenn Sie sich auch den abgesenkten Rentenbeitrag nicht leisten können, bleibt die Möglichkeit, die Stundung der Beiträge zu beantragen. Zunächst sollten Sie aber prüfen ob Sie Anspruch auf Arbeitslosengeld 2 haben. Grundsätzlich steht die Leistung auch bedürftigen Selbstständigen zu. Falls Sie ALG 2 erhalten, ist nicht nur Ihr aktueller Lebensunterhalt gesichert. Zudem kommt das Jobcenter auch indirekt für Ihre Pflichtbeiträge an die Rentenversicherung auf.

Zahlt das Jobcenter Pflichtbeiträge zur Rente in voller Höhe?

Ja. Aber Sie werden – wenn die Pflichtbeiträge nicht mehr Ihrem Gewinn aus der selbstständigen Tätigkeit entsprechen – wohl aufgefordert, die Sozialklausel zu nutzen und Ihren Rentenbeitrag zu senken.

Die von Ihnen gezahlten Beiträge mindern Ihr anrechenbares Einkommen. Hierzu zählt neben dem Gewinn aus selbstständiger Tätigkeit beispielsweise Kindergeld oder der staatliche Unterhaltsvorschuss. Durch Absetzbeträge sinkt Ihr anrechenbares Einkommen. Das hat zur Folge, dass Ihnen mehr Arbeitslosengeld 2 zusteht. Unter Umständen können Sie derzeit Ihren eigenen Lebensunterhalt und den Ihrer Familie mit Ihrem Einkommen noch so gerade sicherstellen. Für den Rentenbeitrag ist aber nichts mehr übrig. In einem solchen Fall haben Sie allein wegen des Rentenbeitrags Anspruch auf Arbeitslosengeld 2.

Private Rentenversicherung – wie den Beitrag senken?

Bei einem finanziellen Einbruch wie in der derzeitigen Corona-Krise bieten private Versicherer verschiedene Möglichkeiten an, den Beitrag zu senken. Das reicht vom einfachen zeitweisen Aussetzen der Einzahlung über die Beitragsstundung – und spätere Nachzahlung – über eine Ratenzahlungsvereinbarung bis hin zur Ruhendstellung von Verträgen. Gegebenenfalls können Sie auch Zusatzversicherungen kündigen.

Tipp: Nehmen Sie bei Zahlungsschwierigkeiten umgehend mit Ihrer Versicherungsgesellschaft Kontakt auf.

Kann ich die Verträge zur Altersvorsorge kündigen?

Sieht man von Verträgen zur Rürup-Rente ab, können Sie die meisten Verträge kündigen. Aber Vorsicht: Oft verlieren Sie hierbei Geld, weil Sie bei einer Kündigung einer Kapitallebensversicherung  oder einer privaten Rentenversicherung oft sogar weniger herausbekommen als sie eingezahlt haben. Und immer verlieren Sie Ihre Altersvorsorge.

Bevor Sie private Alterssicherungsverträge kündigen, prüfen Sie, ob es andere Lösungen gibt. Häufig besteht ein Anspruch auf Arbeitslosengeld 2.

Tipp: Nutzen Sie den Rürup-Rechner

Mit unserem Rürup-Steuersparrechner ermitteln Sie, um wie viel sich Ihr zu versteuerndes Einkommen verringert, wenn sie in eine Rürup-Rente, in die gesetzliche Rentenversicherung oder ein berufsständisches Versorgungswerk einzahlen.


ALG 2: Muss ich meine Rücklagen verbrauchen?

Nein, Sie müssen Ihre private Altersvorsorge nicht kündigen, um Arbeitslosengeld 2 zu erhalten. Derzeit erst recht nicht, denn es gelten für Anträge bis mindestens Ende September 2020* erleichterte Bedingungen bei der Vermögensprüfung. So werden beispielsweise für eine vierköpfige Familien Rücklagen im Wert von 150.000 Euro als „nicht erheblich“ akzeptiert. Rücklagen in dieser Höhe stehen also einem Anspruch auf Arbeitslosengeld 2 nicht entgegen.

Rürup- und Riester-Verträge müssen ohnehin nicht gekündigt werden, bevor Arbeitslosengeld 2 gezahlt wird.

Zahlt das Jobcenter die private Altersvorsorge für Selbstständige?

Faktisch ja. Bei Selbstständigen ALG-2-Beziehern, die privat fürs Alter vorsorgen, zählen die privat gezahlten Beiträge grundsätzlich zu den Absetzposten. „Angemessen“ müssen sie allerdings sein, betont Christian Ludwig, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. „Sachgerecht ist dabei ein Vergleich mit den Beiträgen, die bei bestehender Rentenversicherungspflicht zu zahlen wären“, so Ludwig.

Bei einem monatlichen Gewinn von 1.500 Euro wäre beim derzeitigen Beitragssatz der Rentenversicherung von 18,6 Prozent damit ein Monatsbeitrag von 279 Euro angemessen. Selbstständige ALG-2-Bezieher, die so viel für ihre Alterssicherung monatlich aufbringen, erhalten entsprechend mehr Geld vom Jobcenter – und können so ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen.

Auch angemessene Beiträge zur sogenannten Rürup-Rente sind in diesem Rahmen vom zu anzurechnenden Einkommen absetzbar.

Rechenbeispiel: Höhe des Arbeitslosengeld 2 mit Rürup-Rente

Sie erzielen einen monatlichen Gewinn von 1.500 Euro. Davon müssen Sie 1.000 Euro Miete zahlen und eine vierköpfige Familie Euro ernähren.

  1. Zunächst wird Ihr anrechenbarer Gewinn ermittelt. Nach Abzug des Freibetrags, der für Erwerbseinkünfte in dieser Höhe 330 Euro beträgt, errechnet sich ein Gewinn von 1.170 Euro.
  2. Hiervon wird der gezahlte Beitrag zur Rürup-Rente abgezogen – maximal aber 279 Euro (18,6 Prozent). Damit verbleibt ein anrechenbares Einkommen in Höhe von 891 Euro.
  3. Hinzu kommt noch das Kindergeld für die beiden Kinder, zusammen 408 Euro. Insgesamt ergeben sich anrechenbare Einkünfte in Höhe von 1.299 Euro.

Allein an Regelsätzen, die beim SGB II gewährt werden, steht dem schon ein Bedarf in Höhe von 1.278 Euro gegenüber. Hinzu kommt die volle Miete, so dass sich ein Gesamtbedarf von 2.278 Euro ergibt. Das bedeutet: In diesem Fall besteht ein ALG-2-Anspruch in Höhe von 979 Euro.


Weitere Informationen

Altersvorsorge und Pfändung
Themen-Schwerpunkt auf ihre-vorsorge.de

Wie Selbstständige die Kosten für die Krankenversicherung senken
Magazinbeitrag auf ihre-vorsorge.de

„Selbstständige und Beamte in die Rentenversicherung“
Nachrichtenbeitrag auf ihre-vorsorge.de

*Hinweis: Die Bundesregierung hat am 3.6.2020 beschlossen, den vereinfachten Zugang zum ALG2 bis zum 30.9.2020 zu verlängern. In der ersten Version des Artikels war die damals noch gültige Frist 30.6.2020 angegeben.

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Autor

Rolf Winkel